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Tagebücher398
nünftiges hoffen. freylich können da noch eine menge untoward events da-
zwischen kommen, z.B. ein großartiges kopfabschneiden etc.
in kurhessen brillanter sieg des constitutionellen Widerstandes. Alles,
das heer an der spitze, hat sich gegen den kurfürsten erklärt, welcher nun
wohl nachgeben wird. damit ist aber zugleich unserm conflicte mit Preußen
wenigstens vor der hand die spitze abgebrochen. im großherzogtum hes-
sen haben die democraten ebenfalls die steuern verweigert, sind aber an
dem gesunden sinne des volkes gescheitert, abermals eine schlappe für die
reactionärs (schwarzenberg und sein österreichischer correspondent etc.),
welche gerne diesen fall mit kurhessen in einen topf zusammengeworfen
hätten. ein gleiches steht nächstens in Würtemberg bevor. diese unsinn-
nigen democratischen verfassungen von 1848 werden wohl die längste Zeit
gelebt haben. überhaupt wird die vernunft in der Politik nach und nach zu
ehren kommen. Wir sind zwar noch ziemlich weit davon. Bey unseren ho-
hen militärs heißen natürlich die kurhessischen offiziere nicht anders als
hundsfötter etc.
die hiesigen gemeinderathswahlen sind zu ende, soviel man sie bis jetzt
überblicken kann, sind sie vorherrschend conservativ, jedoch durchaus nicht
retrograd ausgefallen. intelligenzen und spießbürgerthum nach gebühr ver-
treten, gar keine radicalen nahmen, nicht einmal Pillersdorf, ich bin damit
ganz zufrieden, so kräftigt und stärkt sich die institution, imponirt dem mi-
nisterium und benimmt jeden vorwand für die fortdauer des Belagerungs-
standes. Aus allen diesen gründen sind die minister mit den resultaten un-
zufrieden und kleinlaut.
es ist ein herrliches herbstwetter, ich warte geduldig noch ein paar Wo-
chen, ob sich mit mir etwas macht, wiewohl ich gerade jetzt noch weniger
lust als je zu einer Anstellung, am allerwenigsten aber zu einer politischen
hätte, und gehe ende dieses monats fort.
[Wien] 13. oktober Abends
es ist auf einmahl grimmig kalt geworden, wohl nur auf ein paar tage,
dennoch aber vermehrt dieses Wetter meine sehnsucht nach italien, um so
mehr als es hier entsetzlich langweilig und todt ist. ich gehe alle Abende ins
theater pour tuer le tems, und dann ins casino, wie es scheint, komme ich
bey den hochgebiethenden herrn generälen etc. wieder zu gnaden, unsere
Ansichten begegnen sich in manchen stücken, wenigstens in der negation,
nämlich in der Abneigung gegen das ministerium, über welches in wahrhaft
klassischer Weise geschimpft wird, und sie fangen an zu begreifen, daß ein
vernünftiger gentleman, der die Zeit versteht, denn doch noch besser ist als
der democratische, Alles umstürzende despotismus der jetzigen faiseurs, in
positiver Weise bin ich klug genug, mich nicht vernehmen zu lassen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien