Page - 403 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 403 -
Text of the Page - 403 -
40324.
Oktober 1850
wissen selbst nicht warum? – par nobile fratrum. Wahrhaftig, die dummheit
der menschen ist noch größer als ich dachte, der ich doch nie viel respect vor
ihrer capacität hatte.
[Wien] 24. oktober Abends
das geschwür ist geplatzt, man hat so lange mit dem feuer gespielt, daß es
endlich gezündet hat. gestern sind, als erste folge der Bregenzer Bespre-
chungen, oesterreicher und Bayern in kurhessen eingerückt, also interven-
tion, und gegen wen?1 Alles, Behörden, gerichte, militair und volk stehen
auf der einen, der kurfürst und hassenpflug auf der andern seite. unord-
nung, Aufstand etc. ist nirgends vorgefallen, was die leute hier und in mün-
chen (wo die reaction noch mehr als hier zu hausen scheint) freylich am mei-
sten ärgert, der passive Widerstand, die steuerverweigerung, ja das ganze
constitutionelle Wesen sey nicht mehr zu dulden, denn es vertrage sich nicht
mit dem monarchischen Prinzipe. sie sehen nicht ein, daß sie dieses damit
zu grabe tragen, indem sie es so crude als den Zweck der staatlichen formen
hinstellen, während man bisher klüger war und es als das Mittel zur erhal-
tung der ordnung und rechtssicherheit darstellte. noch nie, auch nicht vor
1848, ist der Absolutismus so unverschämt gepredigt und als theorie aufge-
stellt worden.
Preußen wird nun, wie es erklärt hat, in kurhessen ebenfalls einrücken.
da ist dann ein Zusammenstoß sehr möglich, und dann ist der krieg erklärt,
auf diesen macht man sich auch hier gefaßt, und truppen marschiren von
allen seiten nach Böhmen, mähren und vorarlberg. der kaiser würde selbst
den oberbefehl übernehmen. dennoch glaube ich nicht daran, freylich je thö-
richter, desto wahrscheinlicher. der staatsbankerott (heute steht das silber
schon auf 21) und wahrscheinlich niederlagen wären die folgen, denn wir
können nur wenig truppen entbehren, höchstens 120.000 mann, und darun-
ter soviele honvéds, auf die kaum zu zählen ist. rußland wird kaum für uns
Parthey ergreifen, obwohl der kaiser heute nach Warschau ist, um hülfe zu
betteln, thut es dieß aber, so wird ein europaeischer krieg daraus, und Preu-
ßen hat dann fast ganz deutschland, england und frankreich auf seiner
seite. Auch sardinien rüstet wieder. kurz, c’est le commencement de la fin.
1 Andrians informationen über einen einmarsch in kurhessen waren zu diesem Zeitpunkt
falsch. Am 16.10.1850 hatte der Bundestag in frankfurt festgestellt, dass die kurhessische
Regierung der Auflehnung im Land nicht Herr werde und die „erforderlichen Exekutions-
maßregeln“ eingeleitet. der Beschluss zur Ausführung der exekution wurde jedoch erst
am 26. oktober getroffen, am 1. november – nach der rückkehr von kaiser franz Joseph
und fürst felix schwarzenberg aus Warschau – erfolgte der einmarsch von Bundes- und
zugleich von preußischen truppen als gegenmaßnahme und zur sicherung der etappen-
straßen ins rheinland.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien