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Tagebücher404
schwarzenberg ist wie ein Bulldog gegen Preußen verhetzt und vergißt dar-
über Alles Andere. es ist zu stupid, wenn man die gefahren und opfer mit
dem Preise vergleicht, den wir im günstigsten falle erlangen können, dieser
ist – die herstellung des Bundestages!! – und auf wie lange?! – während
Preußen den höchsten Preis erringen kann! die einzigen, welche frohlok-
ken, sind die ungarn, sie calculiren ganz richtig: führen wir mit den russen
krieg, so werden ihnen diese, mit denen sie ja schon längst en coquetterie
sind, behüflich seyn, führen wir ihn ohne die russen, so wird er unglücklich
ausfallen, und dann können sie, die ungarn, Bedingungen vorschreiben. in
beyden fällen hoffen sie ihre alte verfassung wieder zu erringen, und dann
Adieu verfassung vom 4. märz, vielleicht sogar Adieu constitutionalismus
in den erbländern, natürlich nur für einige, kurze Zeit. kurz, kommt es zum
kriege, so ist dieß das größte ereigniß seit 1848.
Bach, die canaille, benützt nun die gelegenheit, um wieder einmal volte-
face zu machen und sich Popularität zu erwerben, er schimpft und lamen-
tirt laut über schwarzenbergs hitze, prophezeyt den ruin des staates durch
den Absolutismus etc. die Babarczysche schrift und die Angriffe der Abso-
lutisten auf ihn (welche der kaiser doch nicht so ganz désavouirt zu haben
scheint) haben ihn mürbe gemacht, und er glaubt nun ein steckenpferd ge-
funden zu haben, doch dürfte er sich irren, es ist zu spät. mir hat er heute
durch schmerling die statthalterschaft in dalmatien mit allen möglichen
Attributen und garantieen antragen lassen, ich habe geantwortet, Bach
solle mich zu sich laden, und da würden wir die sache besprechen können,
nur müsse es bald geschehen, da ich in 5–6 tagen zu verreisen gedächte.
Auch schmerling ist sehr allarmirt und sagt, er wolle nun gleich nach der
rückkehr schwarzenbergs einen prinicipiellen hauptsturm unternehmen,
wozu er sich nun Bundesgenossen geworben und, wie er sagt, Bruck, thun,
krauss, thinfeld und in der letztesten Zeit auch Bach als constitutionelle
Parthey recrutirt habe, der gegenstand und Anlaß werde die Aufhebung der
Belagerungszustände und die trennung der militair- von der civilgewalt
seyn, dringe er nicht durch, so wolle er austreten. übrigens sehe ich aus Al-
lem, daß der gute schmerling die dupe ist, welchem das fin mot nicht anver-
traut wird, so thut er sich jetzt Wunder was darauf zu gute, daß er darauf
bestand, daß der kaiser nicht mehr als 1 oder 1 1/2 tage in Warschau bleibe,
damit der Besuch ein freundschaftlicher und kein geschäftlicher sey!
Palacky war gestern abermals bey mir und ist heute nach Prag zurück.
seit einiger Zeit geht die Polemik über eine erbliche Pairie und das ge-
rücht der einsetzung einer solchen durch die Zeitungen, und merkwürdi-
gerweise nimmt kein Blatt, ausgenommen die lächerliche ostdeutsche Post,
entschieden gegen sie Parthey, so mürbe sind sie durch die furcht vor dem
Absolutismus geworden, und wir wollen hoffen, daß auch das nachdenken
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien