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Oktober 1850
und die nähere Betrachtung der Zustände an diesem umschwunge theilhat.
ich werde, ohne daß ich eigentlich recht weiß, warum? als der taufpathe die-
ser idee betrachtet, die auch ganz die meinige ist, ich freue mich über die
discussion, die Ausführung wünsche ich zu anderer Zeit und durch andere
leute, denn eine Bach’sche Pairie würde der institution den todesstoß geben.
[Wien] 29. october Abends
der kaiser ist heute von Warschau zurück, welche entscheidung er gebracht
hat, ist mir noch unbekannt, doch scheint mir nach Allem beynahe, als ob
kaiser nicolaus sich mehr zu gunsten der verträge von 1815, also zu uns,
als zu Preußen neige. namentlich scheint es, daß er, und frankreich mit
ihm, in der schleswigholsteinschen sache ein energisches Wort gegen Preu-
ßen und zu gunsten dänemarks gesprochen habe.
mittlerweile marschiren truppen aus italien und ungarn, bey Wien wird
ein großes reservecorps zusammengezogen, in kurhessen sind bis jetzt noch
weder Bundestruppen noch die Preußen eingerückt, sondern halten sich ge-
genseitig in schach. dagegen gewinnt nun der kurfürst courage, und von ei-
nem rücktritte hassenpflug’s ist keine rede mehr. kurz es ist jetzt der mo-
ment vor einem Ausbruche, und die nächsten tage mögen entscheiden. ich
glaube noch immer nicht recht an krieg, und ebensowenig die Börsen hier
und in Berlin, denn sie stehen beyde ganz fest. ebensowenig aber glaube ich
an ein unbedingtes nachgeben Preußens, wie man es hier vermuthet. rado-
witz hat noch in den letzten tagen allzu entschieden gesprochen und gehan-
delt, dazu unterhandelt er mit der gothaer Parthey, was auf ein energisches
Auftreten gegen oesterreich deutet.
die großen Zolleinigungsprojecte Brucks, recte: seine versuche, den Zoll-
verein zu sprengen, sind nun definitiv gescheitert, selbst die uns freundlich-
sten regierungen Bayern und sachsen haben die unmöglichkeit derselben
eingesehen.
ich reise in wenigen tagen, wahrscheinlich am 2. ab. stifft, der seit ein
paar tagen hier ist, sucht mich zwar zurückzuhalten, jedoch sehe ich nicht
ein, was es hier vor der hand für mich zu thun gäbe, der bevorstehende
conflict im ministerio wird meiner überzeugung nach zu nichts führen als
entweder, und am wahrscheinlichsten, zu einer débandade und gutwilligem
nachgeben der freyheitskämpfer schmerling, Bach & c. (!!) oder zu ihrem
Austritte, in diesem letzteren falle wird schwarzenberg sie durch männer
der entschiedenen reaktion ersetzen, und in keinem falle ist für uns etwas
dabey zu erwarten. stifft, der auf einmal wieder Zärtlichkeit für schmerling
fühlt, möchte ihn zum Austritte für einen solchen fall bewegen, um ihn fer-
ner möglich zu erhalten, ich habe ihm aber ganz entschieden meine entge-
gengesetzte Ansicht ausgesprochen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien