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November 1850
kerzen am Pulverfasse gefährlich sind, sich wieder höchst lächerlich ge-
macht hat. das soll ihm auch der kaiser von rußland ziemlich haben fühlen
lassen, und auch hier im ministerrathe erhebt sich eine starke Partey gegen
ihn. Bach schwänzelt wie immer nach allen seiten, der kaiser träumt nur
von krieg und wird von den zahllosen unreifen erzherzoglichen knaben, die
nun um ihn sind, darin bestärkt. heute sah ich schönhals, einen klaren ver-
nünftigen mann, der durchaus nicht in dieses horn stößt, hoffentlich wird er
den marschall1 in seinem sinne stimmen. Allgemein ist die stimmung gegen
den krieg, und hier herrscht ziemliche Aufregung.
Aus steyermark habe ich gestern nachricht erhalten, daß 143 gemeinden
um den landtag petitionirt haben.2 mehrere werden nachfolgen, und wohl
dann auch die übrigen kronländer, les choses tirent à leur fin.
stifft und kleyle haben in diesen tagen viel mit mir verkehrt und wollten
mich Anfangs abhalten wegzugehen, haben aber nun eingesehen, daß außer
im falle eines krieges vor der hand noch keine Änderung zu erwarten ist.
übrigens sind unsere Anstalten getroffen, und sollten sich die verhältnisse
drohend gestalten, so bin ich gleich wieder hier. Auch schmerling habe ich
viel gesehen, er ist immer exasperirter gegen Bach und in 2. linie gegen
schwarzenberg, neulich sagte er mir, Bach ließe mich bitten, jedenfalls vor
meiner Abreise zu ihm zu kommen, das that ich denn gestern Abends, wo
mich dieser langweilige schwätzer durch 3 stunden endoctrinirte, sich mit
einem mahle auf den liberalen spielte (!), er sehe die nothwendigkeit einer
Pairie ein, ebenso die der baldigen Berufung des reichstages (!!), und zwar
vor dem Zusammentreten der landtage, indem diese sonst der einheit des
staates gefährlich werden würden, er sey längst für die Aufhebung des Be-
lagerungsstandes hier und in Prag, ebenso für die endliche trennung der
civil- von der militairgewalt (dieses ist das einzige, was ich ihm glaube),
mir von den maßregeln sprach, welche er im interesse des grundbesitzes zu
treffen beabsichtige, hypothekenbanken etc., kurz ganz in meinem sinne
sprach und abundirte, die dumme falsche canaille, comme si j’étais homme
à m’y laisser prendre. dann auf meine Person übergehend, sagte er, wie sehr
er wünschte, mich an der spitze eines landes zu sehen, daß ich aber am
hofe (i.e. kaiser und erzherzogin sophie) und an schwarzenberg erklärte
gegner habe, besonders auf letzteres appuyirte er, wie er überhaupt seinen
politischen Antagonismus mit schwarzenberg hervorzuheben bemüht war
(comme si je ne sarais pas la vérité). Beym Weggehen nahm er mir das ver-
1 feldmarschall graf radetzky, der aus verona nach Wien berufen worden war.
2 es handelte sich um eine Petition der gemeindevorsteher um eine beschleunigte einbe-
rufung des landtags. der provisorische landesausschuss beschloss am 10.12.1850, diese
Petition mit einer befürwortenden Adresse an das ministerium weiterzuleiten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien