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Tagebücher408
sprechen ab, wenn eine Wahl auf mich fallen sollte, diese anzunehmen, und
ich versprach ihm, wenigstens in diesem falle hierherzukommen.
diese unterredung, ein gewebe von lügen und durchsichtigen kniffen,
theilte ich heute stifft und kleyle mit, welche auf ihr resultat sehr gespannt
waren, um sie zu überzeugen, daß von dem menschen nichts zu erwarten
sey, und ebenso schmerling pour le piquer d’honneur. dieser will mich mor-
gen früh noch besuchen.
morgen Abends reise ich ab, à petites journées, weil ich, so lange die dinge
so brennend und ungewiß sind, mich nicht weit entfernen will und doch
nicht länger hier bleiben mag, werde also einige Zeit in grätz bleiben.
neulich war Warrens, redacteur des lloyd und verfasser der mir (und Jo-
sika!) zugeschriebenen Brochure über die Pairie,1 bey mir, ein sehr gescheid-
ter mann.
grätz 7. november Abends
Am 3. Abends verließ ich Wien und fuhr bis Baden, wo ich bey flore in ihrer
und gabrielles gesellschaft thee trank. tags darauf kam ich hieher, seit-
dem bin ich hier, bey dem herrlichsten herbstwetter.
hier habe ich ziemlich viele Bekannte gesehen: coronini und seine frau,
micherl strasoldo, welcher morgen nach Wien geht, haynau, die gräfinn
von meran, friederici, szapary, frank etc. gestern war ich mit coronini
in kainberg, 2 stunden von hier, bey taxis. ich bin immer recht gerne ei-
nige tage hier, doch werde ich nicht lange mehr hier bleiben, wahrschein-
lich übermorgen abreisen. grätz ist recht eigentlich ein krähwinkel und
klatschnest, wo meine Anwesenheit Aufsehen erregt, und wenn ich dieselbe
zu sehr verlängere, ohne einen glaubwürdigen grund dafür anzugeben (was
ich jetzt nicht kann), so könnte es zu suppositionen Anlaß geben, welche sich
ohnehin schon mehr als mir lieb ist an meinen nahmen knüpfen, und die ich
namentlich in diesem aufgeregtem Augenblicke zu vermeiden wünsche.
radetzky ist vorgestern hier durch nach Wien, er soll dort eine Art von
obercommandant der ganzen Armée ad latus des kaisers werden, und
gyulai ersetzt ihn in italien, die minister wollen durch seine entfernung
die trennung der militair- von der civilgewalt in italien möglich machen
und somit eine normale verwaltung anbahnen.2 das wird nun wieder nicht
ohne einen strauß abgehen, auf den ich neugierig bin. strasoldo, der, wie
1 die verfassung vom 4. märz und die erbliche Pairie (Wien 1850). michael holzmann und
hanns Bohatta (Bearb.), deutsches Anonymen-lexikon, 7 Bde. (Weimar 1902–1928)
schreibt die Broschüre richtig eduard Warrens zu.
2 diese informationen erwiesen sich als falsch, es kam zu keiner Änderung in der verwen-
dung der beiden generäle.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien