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41324.
November 1850
rität etc., radetzky soll zurückkehren. da wäre dann also die militärherr-
schaft wieder bis auf eine unberechenbare Zukunft hergestellt. Bach hat
wahrscheinlich wieder einmal, zum hunderten mahle, den mantel nach dem
Winde gehängt. in der kriegesfrage nichts Wesentlich neues, jedoch scheint
der friede so gut wie gewiß. dagegen ist es wichtig, daß rußland den Bun-
destag anerkannt hat, wie sich der so kluge kaiser dazu verleiten ließ, ist
mir unbegreiflich.
[venedig] 24. november
nach und nach zieht sich ein ganz ordentliches kriegesdonnerwetter am
himmel zusammen, und trotz aller friedlichen vesicherungen, trotz der
allgemeinen Abneigung gegen einen krieg, glaube ich doch fast, daß es im
frühjahre losgehen wird, die rüstungen beyderseits nehmen einen immer
größeren character an, ich höre nun von 300.000 mann und 800 kano-
nen, die in Böhmen etc. versammelt werden, und glaube, daß es kaum sehr
übertrieben ist, wenn man bedenkt, daß das ganze 1., 2. und 3. Arméecorps
dorthin marschirt ist, 26.000 mann aus italien und wenigstens eben soviel
aus Bayern zu denselben stoßen, und das 4. corps unter legedics bereits in
kurhessen steht, dazu die neue rekrutirung von 76.000 mann. ebendas-
selbe, nur in noch größerem und nationalen maßstabe, geschieht in Preußen.
Zugleich scheint der kriegerische enthusiasmus dort lichterloh aufzuflam-
men, schon spricht man vom rücktritt des ministeriums als zu gemäßigt
und von Bildung eines neuen unter dem einflusse des Prinzen von Preu-
ßen. gleichzeitig werden die forderungen Preußens, wenigstens nach der
sprache der offiziellen Blätter, immer stärker. das Blatt hat sich gewendet.
man verlangt jetzt nicht mehr bloß freye conferenzen, wechselnden vorsitz
Preußens und oesterreichs und das freye unionsrecht, alles dieses scheinen
wir schon zugegeben zu haben, sondern Preußen scheint nun auch, und das
ist rußlands und englands wegen kitzlich, den einmarsch des österreichi-
schen expeditionscorps nach holstein nicht dulden zu wollen. in kurhes-
sen ist stillstand, und beyde Arméen sehen sich einander an. schon jetzt ist
es bemerklich, wie Preußen durch seine stellung immer mehr in das lager
der Anhänger des Jahres 1848 hinübergedrängt wird. frankreich rüstet –
für wen? ist noch unklar und ist bey der instabilität der dortigen regierung
auch nicht zu berechnen.
kommt es zu conferenzen, so werden diese, so lange die jetzigen Princi-
pien in oesterreich praevaliren, zu keinem resultate führen, denn mit die-
sen ist keine vereinigung über die constituirung von deutschland möglich,
und dann geht im frühjahre der große Principienkrieg los, und auf deut-
schem Boden wird es durchgekämpft werden, ob europa – nach napoleon
– fürs erste republikanisch oder kosakisch wird. könnte man das jetzige
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien