Page - 414 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 414 -
Text of the Page - 414 -
Tagebücher414
ministerium, d.i. schwarzenberg (tout le reste n’est que ses valets) stürzen,
dann wäre eine friedliche entwicklung denkbar. die größte schwierigkeit
aber liegt im kaiser franz Joseph selbst.
inzwischen werden die geldverhältnisse immer zerrütteter, das silber
steht auf 28–30 %, die industrie steht still, der Banquerott naht heran, es
wäre besser, er käme bald als spät.
ich lebe unterdessen hier ganz ruhig fort, nach und nach sammeln sich
einige Bekannte: resi hohenlohe, Jennison, nächster tage mathilde
Berchtold etc. das Wetter ist noch immer ganz magnifique, ich habe bisher
einen einzigen tag geheizt.
[venedig] 27. november vormittag
vorgestern stand das silber in Wien 39, die metalliques 90, gestern ersteres
50, letztere 86 – !! – also ein fall von 15% in einem tage! Welchen eindruck
dieses hervorbringt, kann man sich denken. ich denke, nach Wien oder doch
in die erbländer zurückzukehren, um dem schauplatze der kommenden
Ereignisse näher zu seyn; hier, wo Alles in Silber geht und bezahlt werden
muß, werde ich ohnehin alle tage ärmer und habe nun seit den 14 tagen, als
ich hier bin, schon 30%, also 1/3 meiner ganzen habe eingebüßt! ich fürchte,
es muß in Wien etwas Besonderes vorgefallen seyn, was jenen ungeheuern
fall erklärt, denn die auswärtigen politischen Aspecten scheinen sich nicht
erheblich geändert zu haben, die thronrede des königs von Preußen lautete
entschieden, aber friedlich, und von den kammern ist bis nun erst die Prä-
sidentenwahl bekannt, welche in der 1. kammer auf schwerin und simson,
also die unionsparthey, in der 2. auf rittberg gegen camphausen, also auf
die preußische Parthey, gefallen ist,1 es ist aber schwer, daraus combinatio-
nen zu ziehen, da die specifischen Preußen unter gewissen voraussetzungen
noch kriegerischer gestimmt sind als die gothaer.
sollte diese catastrophe dazu dienen, dem hundsfott schwarzenberg und
genossen die hälse zu brechen, so würde ich mich trotz des hohen Preises,
um welchen wir es bezahlen müssen, darüber freuen, aber ich fürchte, dieß
wird nicht der fall seyn, denn sie sind gewissenlos und leidenschaftlich ge-
nug, auf Alles dieses nicht zu achten, und der kaiser ist ein dummer leiden-
schaftlicher eigensinniger herzloser rotzbube.
gerade in diesem Augenblicke ist gestern in verona das so oft verun-
1 Andrians Angaben dürften auf fehlerhaften informationen beruhen. die thronrede des
königs zur eröffnung des preußischen landtags am 15.11.1850 wurde allgemein als sehr
kriegerisch aufgefasst. gleichfalls wurden graf maximilian schwerin-Putzar und eduard
simson in der 2. (volks-) kammer zu Präsident und vizepräsident gewählt, während graf
ludwig rittberg und ludolf v. camphausen der 1. kammer angehörten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien