Page - 426 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 426 -
Text of the Page - 426 -
Tagebücher426
werfung der Behörden unter die verordnung vom 4. october ist umgang
genommen worden. schwarzenberg ist ewig und immer der machiavel auf
fließpapier, dem keine seiner intentionen gelingt. nach holstein geht von
uns Alex. mensdorff ohne alle instructionen, oder eigentlich mit solchen,
die er sich jetzt in Berlin holen soll! – – c’est pitoyable. die stupiditäten
schwarzenbergs sind ohne ende und richten das unverdiente glück, wel-
ches er manchmal hat, zu grunde. hätten er und der Bundestag in kur-
hessen, statt gegen recht und vernunft so leidenschaftlich die Partey des
kurfürsten zu ergreifen, den billigen schiedsrichter gespielt, so wäre am
ende Preußen gezwungen nach frankfurt gekommen, hätte er nach den
Warschauer conferenzen nicht so hochmüthig bramarbasirt, so wäre es
ebenfalls wahrscheinlich dazu gekommen. mais comme cela il nous est resté
l’odieux et le ridicule.
in Wien ist Alles trostlos und entmuthigt, das ministerium liegt im kothe,
der kaiser entfremdet sich Aller herzen, selbst des militärs, die neustädter
geschichte, wo er sich als tyran au petit pied zeigte, hat viel böses Blut ge-
macht. ich glaube, wir werden bald misére ouverte ansagen müssen und eine
Art von notabelnversammlung einberufen, denn ein reichstag à la 4. märz
ist jetzt eine unmöglichkeit.
[venedig] 7. Jänner 1851 Abends
der scirocco macht hier auf mein Befinden jedesmahl eine sehr eigenthüm-
liche Wirkung, kopfschmerzen, Wallungen, üblichkeiten und allgemeines
unwohlseyn. ich glaubte dieß bisher den hämorrhoiden zuschreiben zu
müssen, glaube aber jetzt, daß es von den nerven kömmt, dießmal litt ich
besonders stark daran, so zwar daß ich vorgestern ganz à bas war und ge-
stern, was bey mir sehr viel sagen will, bis nachmittags im Bette blieb, dazu
gesellte sich eine große Aufregung der nerven und große moralische Abspan-
nung, welche bey mir mit solchen Zuständen sehr oft verbunden ist. ich bin
noch immer nicht ganz davon erholt, was ist der mensch doch für ein misé-
rables geschöpf.
überhaupt ist es mir in dieser erzwungenen unthätigkeit, in welcher ich
mich nun seit bald 2 Jahren morfondire, immer eine Art trost, möglichst
viele Briefe zu empfangen und zu schreiben, es ist dieses noch eine Art der
thätigkeit, und wenn diese, wie es zufällig gerade jetzt durch einige tage
der fall war, ausbleiben, so fühle ich meine Beschäftigungslosigkeit, meine
isolirung, die momentane leere meines lebens doppelt. so häuft sich nach
und nach die galle und die Bitterkeit in mir, bis einst der Abrechnungs-
tag kömmt. die geduld aber, diesen abzuwarten, will oft reißen, manchmal
auch, jedoch dies nur selten und in Augenblicken solcher nervösen Abspan-
nung, die Zuversicht, daß derselbe erscheinen werde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien