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Tagebücher430
[venedig] 16. Jänner
Wir haben die schönsten herrlichsten tage, die gott seit je hat werden las-
sen, möchten sie doch lange dauern!
ich habe puncto reichsrath an kleyle ausführlich geschrieben, als Ant-
wort auf stiffts Bedenklichkeiten, man müsse sich endlich über das vage
Wort: retrograde tendenzen, klar werden und den Begriff näher bestimmen.
Wenn es sich nur darum handle, die unmöglich gewordene verfassung vom
4. märz abzuändern, so könne ich, der ich nicht minister sey, also jene ver-
fassung nicht unterzeichnet und ebensowenig durch meine mißgriffe ihre
unmöglichkeit herbeygeführt habe, dazu wohl die hand biethen. etwas and-
res wäre es, wenn man diese Abänderung bis zu einem verkappten Absolu-
tismus, z.B. einer ersetzung des reichstages durch den reichsrath, treiben
wollte, welches ich übrigens auf eine wenn auch nur geringe dauer für un-
möglich hielte, in diesem falle aber sey es eben nicht weniger nothwendig,
einige unserer farbe im reichsrathe zu haben. – – ich fürchte übrigens, un-
sere richtung, d.h. die meiner bisherigen freunde und die meinige, werden
von nun an allmälig auseinandergehen, da jene bedeutend mehr zu franzö-
siren und an formen zu kleben scheinen als ich, doch halte ich es noch nicht
für gerathen, volle farbe zu bekennen, bis jetzt können wir wenigstens in
der negation noch zusammengehen. inzwischen habe ich wegen des reichs-
rathes in Wien die schritte gethan, die ich von hier aus thun konnte. nach
Wien zu kommen, wie mir viele rathen, denke ich nicht, da ich mich nicht
compromittiren will, ohne gewißheit des erfolges zu haben.1
hier hat mir kokorczowa abermals von den Plänen seiner freunde in
Böhmen gesprochen und mir gesagt, Wurmbrand, ihr faiseur, wolle sich
auch an mich wenden. nous verrons. frank hat mir eine Brochure geschickt,
die er zur rechtfertigung der steyerischen landtagspetitionen drucken ließ,2
diese scheinen wenigstens in steyermark und den verwandten Provinzen be-
deutende Aufregung pro et contra hervorgerufen zu haben.
in Wien beschäftigt man sich fürs erste vorzüglich mit finanz- und Bank-
reformen und erwartet mit nächstem durchgreifende maßregeln. ob aber
genügende? daran zweifle ich sehr. mit solchen wäre allerdings für den Au-
1 seiner schwester gabriele schrieb Andrian am 15.1.1851 über seine politische stellung (k.
114, umschlag 662): „überhaupt stehe ich eigentlich der sogenannten reactionären Par-
they viel näher als den ministern, wenn jene nämlich, wie ich es von den vernünftigeren
unter ihnen annehme, nicht einen bureaukratischen Absolutismus wollen, welcher unmög-
lich ist. Aber es scheinen mich viele für einen französisch constitutionellen enthusiasten
zu halten, obwohl sowol meine schriften als meine ganze bisherige Wirksamkeit dagegen
sprechen. Wer nicht sehen will, sieht auch nicht.“
2 es dürfte sich um einen Privatdruck gehandelt haben, in den einschlägigen Bibliotheks-
katalogen ließ sich keine entsprechende Broschüre finden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien