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Februar 1851
noch nichts positives darüber, und dann, wenn es so ist, ist es eine klägliche
replâtrage des Alten (11 stimmen statt 17 und eine executivcommission,1
daher bloß der alte stille kampf zwischen uns und Preußen in ein neues sta-
dium getreten) auf wenige monathe, und selbst dieses war leicht zu erlan-
gen, da alle in dresden anwesenden Paciscenten einverstanden waren. daß
die österreichische Politik aber dabey in den cabinetten einen momentanen
triumph feyert, ja daß auch das Ansehen oesterreichs nach Außen durch
Preußens nachgiebigkeit und unser energisches einschreiten in cassel
und holstein zunimmt, ist gewiß, für den Augenblick scheint Preußen gede-
müthigt, aber nachhaltig haben wir gar nichts und Preußen viel gewonnen.
hier haben wir bereits frühlingswetter, schön und warm, ein herrlicher
Winter, doch sind meine nerven noch immer in einiger Aufregung. das hie-
sige clima sagt mir nicht zu, und das moralische reagirt auf den körper, ich
kann einmahl die unthätigkeit nicht vertragen. sonst lebe ich wie bisher
fort und beschäftige mich jetzt den erdödys zu gefallen damit, einen Ball
picknick zusammenzubringen.
ich lese mit Passion rammings relation über haynaus feldzug in un-
garn2 und finde immer mehr gefallen an militairischer lektüre.
von Wien schreibt man mir, daß wegen Besetzung der reichsrathsstellen
von mir die rede sey, und zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit. Anderseits
sagen leute der gemäßigten vormärzlichen schule, daß es ein glück sey,
daß ich mich bisher von jeder ämtlichen stellung ferne gehalten hätte, und
daß meine Zeit wohl kommen werde, das bedeutet schon einen starken um-
schwung in der situation.
[venedig] 2. februar Abends
die faschingsfreuden oder eigentlicher faschingsleiden fordern jetzt ihren
Zoll. nach langem und langweiligen hin- und herreden haben sich endlich
mit Ach und krach etwa 25–30 subscribenten aus der hiesigen fremdenge-
sellschaft zusammengethan, um am 5. dieses monats einen Ball zu geben,
die hauptfaiseurs dabey waren und sind Willerstorf, trubetzkoi, hohenlohe
(egon), der unausweichliche Becker und ich, daß es dabey eine menge ge-
schichten, cancans und fâchés gibt, ist natürlich, ich halte mich bey dem
Allem neutral. Bis gestern war festgesetzt, daß der Ball im café français
am marcusplatze statthaben sollte, als gestern Abends plötzlich trubetz-
1 der am 11.1.1851 eingebrachte vorschlag sah als oberste Behörde eine Bundesexekutive
mit elf Stimmen vor, wobei Österreich und Preußen je zwei Sitze zufielen, den vier König-
reichen Bayern, sachsen, Württemberg und hannover je eine stimme, und den übrigen
mittel- und kleinstaaten die restlichen drei stimmen.
2 Wilhelm v. ramming, der feldzug in ungarn und siebenbürgen im sommer des Jahres
1849 (Pest 1850).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien