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Februar 1851
unzufrieden, weil er mit den holsteinern zu glimpflich verfährt. ich gehe mit
dem gedanken um, wieder ein Pronunciamiento loszulassen, vielleicht nur
in der form eines Privatschreibens, und meinen seit 3 Jahren abgerissenen
faden an das ständische Prinzip und den 15. märz 1848 anzuknüpfen,1 zur
Ausführung aber komme ich in diesen tagen vor lauter lappalien nicht.
[venedig] 7. februar Abends
es ist schon ein ordentliches frühlingswetter, ebendeßhalb aber kann ich
einen tüchtigen schnupfen, welcher mich schon seit 8 tagen plagt, noch im-
mer nicht recht los werden.
unser Ball ist nach bedeutenden stürmen, hindernissen und cancans
vorgestern den 5. sehr brillant, animirt und elegant ausgefallen, daß der-
selbe anstatt im café français im hause der taglioni stattfand, hat bey den
collets-montés, voran der französische hof,2 dann marmont, nani ester-
hazy etc. gewaltiges naserümpfen erregt, auch erschien keine der beyden
Prinzessinnen,3 niemand von ihren damen etc., dagegen waren umsomehr
hübsche junge frauen und elegante toiletten. ich blieb als hausherr bis
zum schlusse und ging dann noch um 5 uhr auf der Piazzetta in der herr-
lichsten warmen nacht meine cigarre rauchen auf und ab.
in diesen tagen verlassen leider mehrere meiner liebsten Bekannten ve-
nedig, vor allem die erdödys: Alexander und mucki mit ihren frauen und
malvina, welche ich besonders vormittags auf der Piazzetta und Abends
im theater vermissen werde, dann kiel, welchen ich besonders viel bey
Berchtold sah, dieser letztere salon ist mir hauptsächlich deßhalb sehr ange-
nehm, weil ricci dort täglich die angenehmste musik macht und eine unzahl
italienischer lieder, Arien etc. zum Besten gibt.
Bey resi hohenlohe, meiner alten lieben Bekannten, habe ich mehrere
der letzten Abende zugebracht, da egon krank war und nicht ausgehen
durfte.
ich habe jetzt eine ziemlich mühsame Arbeit vor mir, nämlich eine cor-
rectur einer übersetzung verschiedener auf ungarn Bezug habender docu-
mente aus der 3. Auflage von hartigs genesis der österreichischen revolu-
tion.4 marmont, welcher seine reise nach ungarn etc. neu herausgibt und
1 die kaiserliche Proklamation vom 15.3.1848 hatte die einberufung von vertretern aller
Provinzialstände mit verstärkter vertretung des Bürgerstandes und unter Berücksichti-
gung der bestehenden Provinzialverfassungen angekündigt.
2 gemeint ist der hof des weiter unten erwähnten bourbonischen thronprätendenten henri
graf v. chambord, herzog v. Bordeaux.
3 Wohl Prinzessin Amalie und ihre nichte Prinzessin carola Wasa.
4 franz de Paula von hartig, genesis der revolution in oesterreich im Jahre 1848. 3., mit
vielen Zusätzen verm. Aufl. (Leipzig 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien