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Tagebücher436
dazu eine einleitung über die dortigen neuesten ereignisse schreiben will,1
dabey aber kein deutsch versteht, hat mich darum gebethen.
daß ich in den reichsrath berufen werden soll, steht nun auch in den hie-
sigen Zeitungen, und zwar aus ministeriellen Wienerblättern, ich weiß nicht,
ob und wieviel daran ist, die ganze maschine in Wien scheint mir ziemlich zu
wackeln, obwol ich mich von hier aus und nach so langer Abwesenheit auch
irren könnte, jedenfalls hat mich diese ruhiger, zum theile indifferenter ge-
macht und mir die gereitztheit genommen, welche sich in Wien nach und
nach meiner bemächtigt hatte, und darüber bin ich sehr froh.
in frankreich sehen die dinge ziemlich bedenklich aus, und die hiesigen
legitimisten schöpfen zum hundersten mahle seit 1830 hoffnung, man ist
hier am hofe des grafen von chambord sehr thätig, courire und ganze hau-
fen von stupiden Anhängern gehen hin und her.
[venedig] 13. februar
Wir haben einige kalte Boratage gehabt, welche jetzt hoffentlich zu ende
seyn dürften. es ist ziemlich todt und langweilig hier, und die Abreise meh-
rerer meiner besseren Bekannten hat für mich wenigstens vor der hand eine
fühlbare lücke zurückgelassen. Auch bin ich nun schon solange hier, daß ich
die tage bis zu meiner Abreise zu zählen anfange. Wenn ich mich nicht zu
weit von Wien entfernen wollte, und wenn die finanzen es mir erlaubten, so
würde ich nicht ungern jetzt schon nach dem süden, rom, neapel etc. weiter
ziehen, so aber werde ich noch 3–4 Wochen hier bleiben und dann nach Wien
zurückkehren, wohl nicht, um mich sehr lange dort aufzuhalten, man müßte
mir denn dort eine stellung geben wollen. geschieht dieses nicht, so halte
ich es aus vielen ursachen für besser, mich nicht mehr lange hintereinander
dort zu verweilen [sic], wohl aber von Zeit zu Zeit dort blicken zu lassen, da-
durch erhält man sich frisch und neu, weicht unangenehmen Berührungen
aus und erhält sich die ruhe und elasticität des geistes, ich fühle, wie wohl-
thätig in dieser Beziehung mein gegenwärtiger Aufenthalt hier auf mich ge-
wirkt hat.
meine hauptressource ist gegenwärtig mathilde Berchtold, seit ein paar
tagen ist sig. reischach hier, seit jeher meine bête noire, bisher aber sind
wir uns so ziemlich ferne geblieben.
mein Pronunciamiento habe ich in gestalt eines Briefes an egbert Bel-
credi, welcher in Wien beym Zollcongresse ist, losgelassen, er wird denselben
1 (Auguste frédéric louis viesse de marmont,) voyage du maréchal duc de raguse en hon-
grie, en transylvanie, dans la russie meridionale, en crimée et sur les bords de la mer
d’Azoff, a constantinople, dans quelques parties de l’Asie-mineure, en syrie, en Palestine
et en Égypte (Paris 1837–1839). Eine Neuauflage lässt sich nicht feststellen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien