Page - 437 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 437 -
Text of the Page - 437 -
43713.
Februar 1851
hugo salm und Anderen zeigen und vielleicht auch in weiteren kreisen cir-
culiren lassen. ich rede darin von der nothwendigkeit, von der verfassung
4.3. umgang zu nehmen, an den 15.3.1848 wieder anzuknüpfen und den zu
berufenden notabeln eine (etwa vom reichsrathe auszuarbeitende) verfas-
sung nach ständischen Principien zur Berathung vorzulegen.1 Ähnliches,
wenigstens hinsichtlich des negativen theiles, verficht der lloyd nun schon
seit längerer Zeit in sehr gut geschriebenen Artikeln. ich sollte denken, daß
diese ideen Anklang finden werden, sogar schwarzenberg, sowenig er auch
im Allgemeinen von derley dingen versteht, scheint sich ähnlichen Ansich-
ten zuzuneigen, und jedenfalls würde ich sehr wünschen, daß die dinge, sey
es nun in was immer für einer Weise, in fluß kämen. daß alle caffehhaus-
politiker und die sogenannten „eigentlichen“ constitutionellen darüber Ach
und Weh schreien werden, weiß ich, kehre mich aber nicht daran, wenn man
nur kräftig und ganz auftritt. Aber freylich ist Bach nicht der mann, etwas
solches ins Werk zu setzen, und mich hat man perfider Weise bey hofe dis-
creditirt.
Wie es scheint, hat man auf die dresdner conferenzen gerechnet, um mit-
telst der dort zu fassenden Beschlüsse das constitutionelle system in ganz
deutschland zu stürzen und ein ständisches an dessen stelle zu setzen. das
war wieder zuviel verlangt, und deßhalb scheint es auch an dem Wider-
stande der königreiche gescheitert zu seyn, für uns in oesterreich dagegen
ist es vor der hand genug, ja sogar das einzigmögliche, man wird daher bey
uns wohl bald zu dem von mir angedeuteten mittel oder einem ähnlichen
greifen müssen. Wie gesagt, es kommt dabey hauptsächlich auf die hand an,
welche es durchführen soll. ist es eine fähige, so kann noch Alles gut werden.
schwarzenberg hat jetzt in Wien eine Art von nimbus, den ich mir zwar
kaum erklären kann, seine Person kann also vor der hand nicht beseitiget
werden.
es soll nun endlich, und zwar sehr bedeutend, reducirt werden, bis auf
120 mann per compagnie. m. strasoldo war neulich einen Augenblick bey
mir.
die Willkürlichkeiten des Belagerungsstandes in Wien nehmen immer
zu, gegen Buchhandel und Buchhändler, lange haare, deutsche röcke etc.
verfährt man, als gälte es das heil der monarchie. überhaupt stockt unsere
innere reconstituirung schon seit monathen vollständig, die ochsen oder
1 graf egbert Belcredi schreibt über diesen Brief Andrians in seinem tagebuch vom 14.3.
1851: „victor auf seine von venedig aus mitgetheilten Änderungs-vorschläge an der reichs-
verfassung vom 4. märz geantwortet. sie beruhen auf willkürlichen voraussetzungen, sind
nicht sehr practisch wie das meiste von seinen Entwürfen.“ Boček (Hg.), Z deníků moravs-
kého politika v eře Bachově 25.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien