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Tagebücher440
Wenn auch nichts anderes, so ist doch ruhe, gemüthsruhe in diesem le-
ben, und daher fürchte ich einerseits meine Abreise, obwol es mich anderer-
seits, und zwar noch viel mächtiger, nach Wien und in die hohe see wieder
zurückzieht, am 10. denke ich abzureisen, mich zur ordnung meiner ge-
schäfte, eine sauere Arbeit, einige Zeit in görz aufzuhalten und gegen den
20. nach Wien zu kommen. mir scheint, es werden jetzt mancherley dinge
zur entscheidung kommen, sind einmal die dresdnerconferenzen zu einem
Abschlusse gekommen, wozu es jetzt (ob nun in befriedigender und dauer-
hafter Weise? ist eine andere frage) den Anschein hat,1 so wird es an den
reichsrath, an eine revision der verfassung vom 4. märz etc. gehen. Auch
die orientalische frage tritt auf einmahl in den vordergrund.
ich lese jetzt mit großem interesse die mémoiren ludwigs Xviii.2 und
finde in den Zuständen frankreichs vor und während der ersten Jahre der
revolution merkwürdige Analogieen.
[venedig] 1. märz
Preußen hat doch volteface gemacht und sich zu gunsten der kleinstaaten
gegen oesterreich und die mittelstaaten erklärt, als Alternative hat es uns
zugleich freygestellt, purement und simplement auf den alten Bundestag
zurückzukommen, da es wohl weiß, daß dieses nur ein Waffenstillstand
zum eigenen vortheile wäre, und daß nebstdem oesterreich hiebey mit sei-
ner verfassung vom 4. märz in collision geriethe, daher weigert sich auch
schwarzenberg entschieden darauf einzugehen. Wahrscheinlich wird nun
irgend ein replâtrage beliebt werden, um den Bankerott, welchen die regie-
rungen gemacht haben, möglichst zu überfirnissen, eine galgenfrist, wahr-
scheinlich ist dieß sogar schon geschehen, denn schwarzenberg ist wieder
in Wien angekommen.3 es ist wieder ein toben und schimpfen in den öster-
reichischen und preußischen Zeitungen wie im november, ja sogar kriegs-
gerüchte, doch wird sich das Alles mittelst des erwähnten replâtrage und
mezzo termine beylegen. der gewinn aber bleibt Preußen. schwarzenberg
1 die dresdener konferenzen endeten erst am 15.5.1851.
2 (etienne léon de lamothe-langon,) mémoires de louis Xviii. recueillis et mis en ordre
par m. le duc de d****. 12 teile in 6 Bden (Paris 1832–1833). es handelt sich um eine der
vielen Fälschungen von Autobiografien aus der Feder dieses Autors.
3 Andrian dürfte sich hier auf meldungen über die Plenarversammlung der dresdener kon-
ferenzen vom 23.2.1851 beziehen, in der sich zeigte, dass der österreichische vorschlag
zur neugestaltung der Bundesexekutive (vgl. eintrag v. 24.1.1851) wegen der Ablehnung
durch die kleinstaaten nicht die erforderliche mehrheit erhalten würde. nachdem ver-
suche der Wiener regierung, eine mehrheit für ihre Pläne zu sichern, scheiterten, wurde
die für 8. März geplante nächste Sitzung, auf der die offizielle Abstimmung erfolgen sollte,
nicht einberufen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien