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Tagebücher446
überhaupt experimentirt und pfuscht man in einer erbärmlichen Weise
fort. die ganze politische verwaltung soll wieder anders organisirt, die
kreisregierungen aufgehoben, Bezirkscommissäre creirt werden etc. die
incapacität der leute übersteigt alle Begriffe, doch nehme ich mir vor, al-
lerdings für mich eine schwere Aufgabe, in Wien weder zu urtheilen noch
zu tadeln, da dieses nicht zu meinem gegenwärtigen nächsten Zwecke paßt,
welcher darin besteht: eine angemessene amtliche stellung zu erhalten, zum
theile aus finanziellen rücksichten, zum theile auch, weil ich es unter den
gegenwärtigen umständen für den besten Weg halte, wieder zu einer größe-
ren politischen Wirksamkeit zu gelangen, und endlich, weil eine solche zu
meiner praktischen selbsterziehung nothwendig ist.
von sonstigen Bekannten habe ich hier nur Bakesch, moering, egon ho-
henlohe etc. gesehen. morgen Abends reise ich ab, übernachte übermor-
gen in grätz, wo ich mit frank & c. sprechen will, und bin sonntag den 23.
nachmittags in Wien.
Wien 31. märz
ich bin nun seit 8 tagen, d.h. seit 23. nachmittag hier, am 21. Abends ver-
ließ ich triest, begegnete nachts in Planina den kaiser, war um 6 uhr früh
in laibach und um 5 nachmittag in grätz, wo ich den Abend allein mit m.
frank zubrachte und mir von ihm geschichten erzählen ließ. Am 23. früh
fuhr ich von grätz ab, fand im Waggon Paul Zichy und war nachmittags
nach 5 uhr hier.
trotz dieser kurzen Zeit habe ich bereits Zeit gefunden, mich zu langwei-
len und den venezianer Aufenthalt zu regrettiren. frauengesellschaft, wel-
che doch ein sehr nothwendiger Bestandtheil des geselligen lebens ist, fehlt
mir hier beynahe gänzlich, ja beynahe ebenso der umgang mit interessanten
männern. es gibt kaum eine stadt mit so wenig ressourcen wie Wien, das
gesellige leben reducirt sich hier auf einige große soiréen, routs, Bälle, die
überall langweilig sind und namentlich hier, wo ein Wechsel durch fremde
etc. nicht vorhanden ist und die einheimischen so höchst geistlos und un-
bedeutend sind. ich habe daher diesen dingen schon seit lange lebewohl
gesagt. kleinere salons, wo eine eigentliche conversation möglich wäre, gibt
es aus ebendemselben grunde nur sehr wenige, und diese wenigen, wie z.B.
bey schönburg, schwarzenberg, ficquelmont, sind mir bey der politischen
Wuth, welche hier vorherrscht, verschlossen, oder will ich wenigstens den
versuch nicht wagen. so habe ich mich nach und nach von aller gesellig-
keit zurückgezogen und finde mich nun fast ausschließlich auf den club be-
schränkt, welcher übrigens ebenfalls in der majorität aus ultragutgesinnten
und beynahe in der totalität aus vollkommenen nullitäten besteht, daher
ich auch dahin nur im äußersten nothfalle gehe. Jedoch bemerke ich dieß-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien