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Tagebücher452
sie vielleicht verurtheilt, jedenfalls aber bey der Animosität der Polizey ge-
gen sie Jahrelang in untersuchungshaft gesessen.1
Preußen und seine verbündeten beschicken also definitiv den Bundestag
und lassen dresden fallen. obwohl man dieß natürlich hier als einen tri-
umph der österreichischen consequenz über die preußische inconsequenz
darzustellen versucht, so sind doch eigentlich dabey alle vortheile für Preu-
ßen, alle nachtheile für uns. in frankfurt wird man nun formell an die
umarbeitung der Bundesverfassung hand anlegen, aber natürlich nichts
zustande bringen. für uns aber wird die incompatibilität jenes Bundes-
verhältnisses mit der verfassung vom 4. märz und überhaupt mit unserer
neuen politischen stellung immer stärker hervortreten. kurz die revolution
ist prorogiert und dürfte sehr bald wieder losgehen, in frankreich sieht es
ärger aus als je, in italien nicht viel besser, in der lombardie fangen die öf-
fentlichen insulte, cigarrengeschichten2 etc. wieder an.
fritz thun ist hier, um sich instructionen zu holen. ich sah ihn gestern
doch nur einen moment. Auch mit carl schwarzenberg sprach ich gestern
lange, er ist ganz staatsmann und Administrator geworden.
[Wien] 19. April charsamstag
es ist im plötzlichen übergang seit einigen tagen frühling, ja beynahe
sommer geworden, wir hatten schon bis 20° r. Wärme.
Bruck, den ich vor einigen tagen sprach, meinte, ich müsse mich nun dem
kaiser vorstellen (der übrigens eben jetzt unwohl ist), indem dieser sonst
meine Zurückhaltung als vernachlässigung oder Bouderie deuten dürfte.
eine abermalige Zurückweisung wie in olmütz sey nicht zu befürchten, in-
dem seit jener Zeit die verhältnisse anders geworden, namentlich aber der
kaiser selbstständiger seinen eigenen und festen Willen gewonnen habe. er
rieth mir ferner, mich deßwegen an schwarzenberg zu wenden, damit dieser
mir eine Audienz auswirke (was allerdings unter meinen verhältnissen der
einzige Weg ist).
ich ging demnach, da mir dieser rath Bruck’s einleuchtete, vorgestern
zu schwarzenberg, sowol in dieser Absicht, als um zu hören, was er mir auf
1 es handelte sich um einen geschworenenprozess gegen eine Aloisia sp. g., wohl die sänge-
rin Louise Gentiluomo-Spazzer, wegen des Verdachts des Diebstahls von 2.050 fl., in dem
sie mit elf gegen eine stimme freigesprochen wurde. die Angeklagte behauptete, es hätte
sich um einen scherz gehandelt, wie sie ihn sich bereits öfter erlaubt habe, der vermeint-
lich geschädigte, ein hoher griechisch-unierter geistlicher, sagte aus, es sei kein schaden
entstanden, nachdem die gesamte summe wieder vorhanden sei.
2 der Boykott österreichischer Zigarren als Protest gegen das tabakmonopol war ein mittel
der italienisch-nationalen Bewegung des späten vormärz. ihren höhepunkt erreichte er in
den Ausschreitungen in mailand Anfang Jänner 1848 (mailänder Zigarrenrummel).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien