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April 1851
von Wiederherstellung der alten verfassung, von einem ministerium Win-
dischgrätz etc. Zsédényi hat eine fulminante Brochure gegen die minister
losgelassen,1 worin er sie von ihrer schwächsten seite, nämlich ihrer stel-
lung zum kaiser, angreift, welchen sie, wie er sagt, ganz anullirt haben,
um unter dem schilde einer imaginairen verantwortlichkeit absoluter und
widerrechtlicher zu regiren, als je zuvor geschehen ist. diese Brochure,
welche viel Aufsehen macht, hat Bach am 5. tage ihres erscheinens ganz
willkürlich confisciren lassen, mußte sie aber nach 3 tagen, da der staatsan-
walt die verfolgung nicht übernehmen wollte, wieder freygeben, überhaupt
scheint ihn seine geschicklichkeit und geistesgegenwart zu verlassen, er
wird leidenschaftlich, l’avantcoureur de sa chûte, so z.B. will er einige ganz
misérable subjecte, die er in ungarn zu obergespänen etc. gemacht hat,
durchaus contre vent et marée, ja wie man sagt selbst gegen den Willen des
kaisers festhalten, u.a. einen gewissen eckstein, der dem kriegsgerichte
über eugéne Zichy beysaß und nun in demselben comitate (stuhlweißen-
burg) obergespan ist! edmund Zichy hatte neulich deßhalb eine sanglante
scene mit Bach. Auch schwarzenberg scheint zu wackeln, wenigstens sollen
mehrere der reichsräthe, namentlich feri Zichy, vom kaiser trotz seiner
wiederholten gegenvorstellungen ernannt worden seyn.
unter diesen umständen steigen die Actien der männer des vormärz,
wenigstens einiger unter ihnen, denn diesen dürfte vor der hand diese Be-
wegung zu guten kommen, übrigens haben auch diese gelernt und verges-
sen. Beweis dessen ist eine, wenn auch nicht durchaus untadelhafte, so doch
jedenfalls sehr beherzigungswerthe geistreiche und interessante Brochure,
welche hartig unter dem titel nachtgedanken so eben herausgegeben hat.2
das Alte will niemand zurückführen, weil es unmöglich ist, und weil selbst
damals niemand ihm aus überzeugung anhing. dagegen aber sind die ge-
nannten mehr als jede andere schattirung männer des Rechtes, was außer
ihnen beynahe niemand ist, wenigstens keine Parthey, weder die jetzige re-
gierung, noch die sogenannten liberalen, noch das militärregiment, noch
selbst, glaube ich, der hof.
nebst diesen dingen ist jetzt die hauptfrage die finanzen und die va-
luta. es stellt sich nach und nach ein panischer schrecken ein, wozu noch die
überhandnehmende theuerung kömmt. Beamte und offiziers verhungern
und sind daher, wie man sich denken kann, nicht mehr gutgesinnt. man
verspricht nun in nächster Zeit eine radicalcur –?!– diese könnte aber nur
1 ede szédényi, die verantwortlichkeit des ministeriums und ungarns Zustände (Wien
1851).
2 (franz hartig), nachtgedanken des Publizisten gotthelf Zurecht im februar 1851 (leipzig
1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien