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Mai 1851
ich mich gemeldet, werde aber nicht vorkommen, da er plötzlich nach Prag
zu kaiser ferdinand abgereist ist, la politesse est faite.
Wegen meiner verwendung ist vor der hand, da ich mich nun auch seiner
majestät selbst zur verfügung gestellt habe, nicht viel zu thun. Zu Bach mag
ich nicht wieder gehen, auch zu schwarzenberg zu gehen, sehe ich keinen
grund, sondern werde noch einmahl mit Bruck sprechen, der ohnehin mit
ihm darüber reden will, sowie wieder etwas ruhe, d.h. olmütz vorüber ist,
und sonst kann ich nichts thun als abwarten. Am liebsten wäre mir, wenn
ich irgend eine reise in irgend einem Auftrage unternehmen könnte. mög-
lich ist es auch, daß man bey der completirung des reichsrathes an mich
denkt – ? –
dieser reichsrath scheint aber ebenfalls schon in mißcredit zu fallen. von
den ängstlich erwarteten finanzmaßregeln ist bisher erschienen: ein Patent,
womit das maximum des Zwangsstaatspapiergeldes auf 200 millionen fest-
gesetzt wird, also noch um eine sehr bedeutende summe mehr als das jetzt
cursirende, eine maßregel, die theils ungenügend, theils durch keine wirk-
liche controlle garantirt ist, daher auch die curse trotz aller Anstrengun-
gen krauss’s wieder steigen, und eine Ausprägung neuer geringhältigerer
kupfermünzen, während die alten in umlauf bleiben sollen, daher ein Agio
erhalten werden! die neue organisirung siebenbürgens und ein neues mili-
täreinquartirungsgesetz sind ebenfalls nicht von der Art, um eine wohltätige
Wirkung des reichsrathes verspüren zu lassen. ich mache mir jetzt eine mir
neue Art der unterhaltung: ein Bischen in den fonds zu spielen, mit gehöri-
ger vorsicht.
unter den Wallachen und serben, den sogenannten vaterlandserrettern
von 1848, ist jetzt eine gewaltige gährung, sie verlangen jetzt die erfüllung
dessen, was man ihnen damals versprach. Bey diesen practischen völkern
aber äußert sich eine gährung durch guerillas, offene Widersetzlichkeit und
flintenschüsse, vermischt mit einigen verschwörungen der vornehmen: Pa-
triarch rajachich, stratimirovich etc. so sieht es jetzt in slavonien, Wojwo-
dina und einem theile von siebenbürgen aus, in ungarn ist es nur äußerlich
ruhiger. die czechen rühren sich auch wieder, und das rindvieh leo thun
arbeitet ihnen in die hände, indem er sprachcongresse etc. zusammenruft.
[Wien] 26. may
das große tagesereigniß ist Bruck’s rücktritt, welchen ich mir ganz un-
vermuthet am 23. Abends erfuhr, und der tags darauf officiell wurde. ich
hatte Ähnliches wohl schon munkeln gehört, doch nicht so bald erwar-
tet. gründe sollen seyn: sein nichteinverstandenseyn mit krauss’ und
kübeck’s finanzplan, schmälerungen seines Budgets durch diese, zuneh-
mende und mehr noch vorherzusehende Beschränkungen seiner unter-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien