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Tagebücher470
des ministeriums, namentlich Bach’s, ebensowenig einverstanden ist als ich
und sich ebensowenig ein Blatt vors maul nimmt. Auch Bruck sprach ich
neulich vor seiner Abreise nach london, er macht kein hehl daraus, daß er
ein sinkendes schiff verlassen hat.
überhaupt mehren sich die Anzeichen, es ist unglaublich, was für grob-
heiten und insulten Bach einstecken muß, d.h. einsteckt, um minister zu
bleiben, eine galgenfrist. Alles ist in das stocken gerathen.
Wien ist furchtbar langweilig. heute erschien der kaiser bey der frohn-
leichnamsprocession, ich ließ mich entschuldigen, nicht ein vivat war zu
hören. mathilde Berchtold war wieder ein paar tage hier, auch olga ou-
stinoff ist hier, ich war neulich zum erstenmahle seit vorigem Jahre in Ba-
den und machte heute aus langer Weile eine einsame Promenade in die
Brühl.
[Wien] 29. Juny
fürst Windischgrätz schickte neulich rousseau zu mir, um mir für das über-
sendete mémoire zu danken, welches er mit großem interesse gelesen habe,
in den meisten Punkten damit einverstanden sey und nur in einzelnen din-
gen davon abweiche, in welchen weiß ich nicht. vor einer Zusammenkunft
war keine rede, indem, wie rousseau hinwarf, er, da er morgen abreist, jetzt
sehr in Anspruch genommen sey. ich erwiederte mit complimenten und
setzte hinzu, ich behielte mir vor, im herbste dem fürsten meinen persönli-
chen Besuch zu machen.
Jablonowsky habe ich auf seinen Wunsch ein exemplar zurückgelassen,
damit er den geeigneten leuten davon mittheilung machen könne, unge-
rechnet das für kübeck bestimmte exemplar. ich habe die Benützung ihm
ganz anheimgestellt und mir nur die veröffentlichung verbethen. An hartig
habe ich durch szécsen vater eine copie geschickt.
morgen Abend reise ich über Prag, dresden wahrscheinlich ohne Aufent-
halt nach Paris, mein ostensibler reisezweck ist ostende und die seebäder
sowie die industrieausstellung in london (wohin ich aber schwerlich gehen
werde).
gabrielle war gestern und heute herin, gestern war ich mit ihr, Bebe
strozzi und felix Jablonowsky in der Arena in fünfhaus.
Paris 6. July 1851
ich verließ Wien am 24. nachmittags 7 uhr, fuhr die ganze nacht durch, es
war die unangenehmste fahrt der ganzen reise, kalt, gepreßt in unseren
Waggons, alle einrichtungen spottschlecht, um 10 uhr des morgens war ich
in Prag, so ermüdet wie ich es seit lange nicht gewesen, zum theile schreibe
ich dieses wohl auch den großen erotischen Anstrengungen zu, die ich in den
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien