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Juli 1851
unterhaltungen wie die erwähnten besteht, behagt mir bis nun sehr gut,
was mir bis jetzt noch fehlt, ist eine niedliche mätresse, habe ich dieses, so
verlange ich nichts weiter. reichthum und Wohlstand hat wenigstens dem
Äußeren nach seit 1849 eher zu- als abgenommen, und mich amusirt der
gute humor, die fröhlichkeit und dazu die gutmüthigkeit und unbefangen-
heit der franzosen und ihre leichtigkeit, der männer wie Weiber, de faire
connaissance.
Bey hübner war ich gestern und sollte bey ihm essen, war aber schon ver-
sagt, auch frau v. meyendorf suchte ich auf, fand sie aber nicht, sonst habe
ich noch keinen meiner Bekannten aufgesucht.
die Politik ist pour le moment hier ziemlich im hintergrunde, und ich
kümmere mich auch wenig darum. die reisen des Präsidenten, und ob er da
gut, dort schlecht empfangen wurde, bilden die einzige politische conversa-
tion. die débatte über die revision der verfassung dürfte um den 15. ange-
hen, man glaubt, sie werde verworfen und damit die Wiedererwählung louis
napoleons, wenigstens auf legalem Wege, beseitiget werden. die regierung
wird es dann wohl mit dem illegalen Wege, d.h. seiner abermaligen Wahl via
facti versuchen, mit welchem erfolge? werden wir sehen.
[Paris] 13. July
ich war diese Woche stark durch Zahnschmerzen geplagt, welche mich be-
sonders die nacht hindurch peinigten und ganz demoralisirten. ich habe
mich nun einem Zahnarzte anvertraut, der eine ziemlich lange cur mit mir
vornehmen wird und damit anfing, zwey in venedig durch terrenati plom-
birte Zähne zu deplombiren. dazu kam das infame Wetter, welches fast die
ganze Woche war, kalt, windig und regnerisch. das ganze also nicht eben
geeignet, um mir den Aufenthalt hier angenehm zu machen. Auch sind in
dieser Jahreszeit sehr wenig Bekannte hier, und diese wenigen schwer zu
finden, da ein jeder bey seiner maitresse sitzt, überhaupt basirt sich das
ganze leben in Paris, namentlich aber im sommer, auf ein solches verhält-
niß zu irgend einer femme entretenue, deren es eine unzahl, eine agaçanter
als die andere gibt, ohne ein solches langweilt man sich, ißt und lebt allein,
muß allein oder fast allein herumsteigen, und da wird man dann diese Bals
mabille, château rouge, etc. auch bald satt. mir eine bescheidene grisette
auszusuchen (welcher genre, den ich übrigens nur sehr wenig kenne, aber
auch nach und nach verloren geht), wie dieß Anfangs meine Absicht war,
dazu fehlt es mir an Zeit und geduld, und so bin ich denn wieder zu einer al-
ten freundin, mad. Planesse gegangen, welche mir eine charmante Person,
mad. morena, zuführte, mit der ich heute versuchsweise in Asnières aß und
mich mit ihr recht gut amusirte. ob ich übrigens bey ihr bleiben werde, weiß
ich nicht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien