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Tagebücher484
beschwerlich, wo es sehr steil abwärts ging, stieg ich ab und ging zu fuße.
es ging über hof, imboden, guttannen, das Aarthal aufwärts und wurde
immer wilder und schauerlicher. in hardeck wurde gerastet, unweit des
imposanten Aarfalles, dann ging es weiter bis zum grimselhospiz. Jemehr
wir uns diesem näherten, desto wilder und nackter wurde die gegend und
desto beschwerlicher der Weg, so daß mein Pferd, so sicher es auch ging,
mitunter geführt werden mußte. um 5 war ich am hospiz, sah mir den
see dicht daneben und das schlachtfeld an, wo 1799 2 Bataillone oester-
reicher von den franzosen umzingelt und gefangen wurden, ein schauerli-
ches schlachtfeld.
tags darauf, am 15., ritt ich um 8 uhr weiter durch einen dichten schwar-
zen nebel, es regnete fein und war ein großartiger düsterer Anblick, nichts
als kahle felsen und schwarze Wolken, durch die wir hindurch mußten,
bis zum todtensee auf der spitze des grimsel. von da gings nun auf der
anderen seite hinab ins Wallis und das rhonethal. hier heiterte es sich auf
einmahl auf, und es war der vollendeteste contrast mit der scene, die ich
eben verlassen, die üppigste vegetation, zwar kein Baum und kein strauch,
jedoch die dichteste vegetation von Alpenkräutern und Alpenblumen je-
der Art, eine tiefe tiefe schlucht, unten die rhone und im hintergrunde
der magnifique Rhonegletscher. Die Mayenwand hinab, circa eine Stunde,
mußte ich zu fuße gehen, am rhonegletscher wurde 1/2 stunde gerastet,
dann ging es längs des gletschers hinauf, am blauen gletscher vorüber,
durch das furka thal immer steigend weiter bis zur furca, wo wir nach 2
stunden ankamen. das war der höchste Punkt, wo nur mehr spärlich gras
und moos, sonst gar nichts wächst.
von der furka herab mußte ich lange durch tiefen schnee reiten, das
war der unangenehmste theil der reise, dann ging es immer im thale der
reuss hinunter bis nach realp, wo wir nach etwa 3 stunden ankamen und
etwas rasteten, und von da ungefähr 1 1/2 stunden bis hospenthal. Auf
diesem letzten Wege ereilte mich ein furchtbares unwetter, so daß ich bis
auf die haut naß wurde.
in hospenthal fand ich ein misérables gasthaus, schlechtes essen, ein
schlechtes Bett und eine menge deutscher, besonders norddeutscher rei-
sender, welche überhaupt jetzt die schweiz überschwemmen. gott bewahre
Jeden vor dem gebildeten deutschen mittelstande!
gestern früh 8 uhr fuhr ich mit einem mitgliede dieser achtungswerthen
körperschaft die gotthardtstraße herunter, Andermatt, das urnerloch, die
teufelsbrücke etc. Wir rasteten in Amsteg und waren um 2 in fluelen. um
1/2 3 ging das dampfboot ab, ich blieb, Anfangs der Bequemlichkeit, dann
des regens wegen, fast die ganze Zeit in der cajüte, um 6 uhr waren wir in
luzern, wo ich im schwan abstieg, da im schweizerhof kein Platz war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien