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August 1851
hier hätte ich eigentlich nichts zu thun als nach Zürch weiter zu gehen,
wo ich eduards Antwort und daher die entscheidung über meine näch-
sten Pläne zu finden hoffe. Dennoch entschloß ich mich, einen Tag in dieser
schönen gegend, die manche angenehme erinnerung in mir erweckt, zu
bleiben. ich verlasse ungern den klassischen Boden der schweiz, welcher
für mich zwischen genf, dem Berner oberlande und hier gelegen ist. in
Zürch kömmt es mir vor, als wäre ich schon halb und halb in süddeutsch-
land, diesem für mich unangenehmsten aller länder.
selbst nach Wien, welches ich doch immer im ersten Augenblicke mit
vergnügen wiedersehe, zieht es mich unter den gegenwärtigen verhältnis-
sen nicht stark, weil ich weiß, was mich dort erwartet. Becher schrieb mir
zwar neulich, es habe ihn Jemand versichert, meinen nahmen auf der li-
ste der neuen reichsräthe gesehen zu haben, mais je n’en crois rien. Alles
schläft dort ein. Alles wird immer trüber, jeder Ausweg wird nach und nach
verrannt, man hält nur immer nieder, ohne daran zu denken, wie man es
anfangen wird loszulassen, was denn doch einmahl geschehen muß, ja das
niederhalten wird, anstatt stufenweise nachzulassen, nur immer ärger und
drückender. in italien und ungarn werden die dinge täglich schlechter. soll
man sich unter solchen Verhältnissen einen Einfluß wünschen, wenn dieser
Einfluß nicht der entscheidende, der überwiegende ist? Auf der andern Seite
ist es nicht möglich, daß dieser wenn auch unnatürliche und jedenfalls tran-
sitorische Zustand denn doch noch Jahre lang fortdauert, während welcher
sich eine neue generation bildet, und wer sich zurückzieht, vergessen wird?
vor Allem aber: kann ich diese unthätigkeit noch lange ertragen? – – – die-
ses sind die fragen, welche mich jetzt mehr als je beschäftigen.
von Bekannten habe ich seit Paris nicht einen einzigen begegnet.
münchen 24. August vormittags
montag den 18. um 9 uhr vormittag fuhr ich im eilwagen von lucern über
Zug, wo wir um 12 ankamen und zu mittag aßen, nach Zürich, wo ich um
4 ankam und im hôtel Baur abstieg. dort fand ich eduards Antwort, er
schrieb, daß er allein in varnbach sey, seine familie hingegen in Ansbach,
daß er nur bis 24. dort bleibe und dann nach Ansbach gehe, ich möchte
daher zu ihm kommen und, wenn ich könne, ihn nach Ansbach begleiten.
unter diesen umstände, und obwohl es mir leid that, den landaufent-
halt in varnbach zu Wasser werden zu sehen, schrieb ich eduard auf der
stelle, daß es nicht mehr der mühe werth sey, die lange reise nach varn-
bach zu unternehmen, sondern daß ich ihn in münchen erwarten werde.
hierauf ging ich zur table d’hôte, wo ich zu meiner großen überraschung
gustav Wimpffen und seine frau fand. Wir gingen nach tische miteinan-
der in der Stadt flaniren, sie reisten Tags darauf ab.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien