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Tagebücher492
und durch eiserne strenge vollkommen zum schweigen gebracht, dabey
steigen alle Preise, auch der unentbehrlichsten lebensmittel, enorm. erz-
herzog Albrecht ist civil- und militärgouverneur von ungarn, die regie-
rung der erzherzoge, wie vor dem märz,1 fängt wieder an. der kaiser ist
gestern nach verona und wird nicht vor 3 Wochen zurück kehren.
[Wien] 20. september
es ist ganz beyspiellos langweilig in dieser sogenannten großen stadt, dazu
ein schauderhaftes Wetter, man muß die schönen tage oder eigentlich
stunden im fluge erhaschen, denn sie dauern eben nur ein paar stunden,
so hatte ich neulich einen schönen tag in Baden und machte eine ange-
nehme Promenade mit gabrielle, in der hoffnung auf einen eben so schö-
nen morgen übernachtete ich dort. doch regnete es tags darauf wie aus
scheffeln, und ich fuhr um 1/2 9 heim. ich sprach in Baden mit löhner, der
mir ganz verbissen schien und vom Auswandern sprach, der dumme kerl,
er sollte sich im gegentheile freuen.
neulich war carl Jablonowsky bey mir, er hat mein mémoire schon An-
fangs July Baron kübeck übergeben, diesen jedoch seitdem nicht mehr ge-
sehen, auch vielen Anderen hat er es mitgetheilt, als hugo salm, graf col-
loredo, feri Zichy, szögyény und anderen ungarn, welche Alle, besonders
die letzteren, wie er sagt, davon enchantirt waren. feri Zichy wollte es dem
kaiser vorlegen, tout cela n’empêche pas, daß, wenn es von einem Ande-
ren als gerade von mir wäre, z.B. von Jablonowsky, der effect ein größerer
wäre, denn ich bin einmahl diesen Altconservativen diesseits und jenseits
der march eine mißliebige Person, noch von vormärzlichen Zeiten her.
von hartig habe ich hier ein langes schreiben, noch vom 29. Juny aus
ischl datirt vorgefunden, worin er über denselben gegenstand sich auf das
schmeichelhafteste ausläßt, meint, es wäre schade, wenn ich es nicht ver-
öffentlichen sollte, und mir für diesen fall seine Bemerkungen mittheilt,
namentlich, meint er, soll ich die Minister glimpflicher behandeln.
über das, was nun zunächst bevorsteht, weiß niemand etwas zu sagen,
ebenso wie noch am 25. August niemand etwas von den kaiserlichen or-
donnanzen ahnte. die ganze sache ruht ausschließlich in kübecks hand,
der der mann des tages ist. schwarzenberg ist im geheimnisse, sonst nie-
mand. Alle Anderen sind kärrner. Bach nur der Polizeyagent, dem man
soviel sagt als gerade nothwendig. die Beamten sind nun sämmtlich umge-
schworen worden, d.h. der eid auf die verfassung ausgemerzt, obwohl sie ja
zu mindestens zwei drittel zur Abschöpfung des staatspapiergelds verwendet werden, der
Rest zur Deckung des Haushaltsdefizits.
1 die revolution vom märz 1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien