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Oktober 1851
erzwingen verehrung, und sein nahme erweckt sogar eine gewisse Befrie-
digung des nationalstolzes, für ihn als historische figur ist der märz 1848
ein glück gewesen. sein haus wird von Besuchenden nicht leer.
noch nie seit 1848 waren die Zügel so straff angezogen wie jetzt, es weht
ein geist des despotismus und der Polizey, der fast nicht mehr stärker
werden kann, die Presse ist ganz verstummt und darf nur mehr über ganz
inoffensive dinge sprechen, dagegen geht von der regierungsseite her das
geschrey gegen gemeindeverfassung, Jury, trennung der Justiz von der
verwaltung (was Alles bereits seit ein paar Jahren durchgeführt ist), gegen
die reform des unterrichtswesens etc., kurz gegen Alles los, was seit 1848
geschah, nur eines ist heilig und unantastbar: die Bureaukratie. ich würde
dagegen für diese letztere fast Alles Andere mit in den kauf geben. und
unsere Journalistik ist so bodenlos dumm, unpractisch und unwissend, daß
sie von dieser frage, die mit der des selfgovernement, der begüterten Be-
amten gleichbedeutend ist, keine Ahnung hat.
es scheint, die regierungen fürchten sich vor 1852 mehr, als man glau-
ben sollte, wenigstens deuten alle diese Zeichen, vor Allem aber diese Po-
lizeyluft, die hier ganz ungewohnt ist, darauf hin. ich glaube, Bach will
gescheidter seyn als sedlnitzky es 1848 gewesen, das ist Alles was er will,
ob dieses hinreichen wird?
[Wien] 2. oktober
der kaiser ist diese nacht aus italien directe über triest zurückgekehrt,
er soll nun nächstens die reise nach gallizien unternehmen, wenn nicht
wieder contreordre kömmt, wie es jetzt mode ist, wo täglich 2–3 mal alle
Projecte und Arrangements abgeändert werden. es ist dieses ein Beytrag
mehr zu der beyspiellosen confusion, welche seit der neuen regierung (d.i.
2 1/2 Jahren) am hofe herrscht und nebst vielen andern ursachen (als z.B.
die grobheit und härte, mit der sie von grünne & c. behandelt werden, die
zunehmende knauserey in kleinen dingen etc.) den ganzen hofstaat, wel-
cher bisher an das andere Extrem gewöhnt war, zur Verzweiflung bringt.
ich wäre wirklich neugierig, die klasse, den stand, ja das individuum zu
sehen, bey welchem die gegenwärtigen Personen und dinge populair oder
beliebt wären. – –
Während dieser nächsten tage also sollen die wichtigsten dinge vorge-
hen: die Publication des neuen Zolltariffs und endlich die des verfassungs-
statutes. Wie sehr Alles auf dieses gespannt ist, läßt sich denken, doch er-
wartet niemand viel, und das wäre einerseits gut. es sollen berathende
Provincialstände ohne irgend eine centralvertretung gegeben werden, letz-
teres wird, glaube ich, die regierung mehr hemmen als ihr förderlich seyn,
ersteres wäre im Jahre 1848 vollkommen hinreichend gewesen, jetzt wird
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien