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Oktober 1851
Wir haben jetzt endlich sehr schöne tage, die ersten seit dem Winter,
ein wahrer Altenweibersommer, so gerne ich auch möchte, will ich in die-
sen tagen doch nicht von hier weg, werde aber, sobald etwas bestimmt
ist, eine fahrt nach ungarn unternehmen. clementinen habe ich neulich
einen Pack noten etc. nach Berlin geschickt. das Anlehen ist ein totales
fiasco, wiewohl Krauss, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, zu
den erbärmlichsten mitteln greift und nun sogar die invasionsschulden aus
den Jahren 1805, 1809 etc., die bisher nie zu einer Anerkennung gelan-
gen konnten, in das Anlehen aufnimmt, nur um das vergnügen zu haben,
85 millionen neue stockpapiere ausgeben zu können. natürlich fallen alle
Papiere, hauptsächlich nordbahnactien, indem sehr viele leute, denen
krauss die Pistole auf die Brust setzte, über ihre kräfte subscribirt haben,
zu diesen gehöre eigentlich auch ich.
eine merkwürdige erscheinung ist unter diesen umständen und trotz
sovieler ungünstiger verhältnisse die große Zunahme der hiesigen Bevöl-
kerung, welche sich durch ein enormes steigen der miethzinse und dem
absoluten mangel an Quartieren kundgibt. freylich mag auch die ganz un-
geheuere Zunahme des Bedarfs der regierung für kanzleyen etc. (eheu!)
daran theil haben. unter diesen umständen erwacht natürlich die Bau-
speculation, und mein lieblingsproject der verbauung der glacis gewinnt
Anhänger.
die altconservativen ungarn sind nun in pleno hier versammelt und
schreyen oder vielmehr blicken victoria. die intrigue, in der sie meister
sind und die sie seit 2 1/2 Jahren spielen, hat gesiegt, oder eigentlich sie
steht im Begriffe zu siegen, und wahrscheinlich wird das kind mit dem
Bade verschüttet werden, der vortheil, den das Jahr 49 der gesammtre-
gierung gegeben, verloren gehen, und die brillanteste gelegenheit, welche
sich oesterreich seit 200 Jahren gebothen, in den Brunnen fallen, das hatte
ich stets vorhergesehen und gefürchtet: das ministerium hat so erbärmlich
operirt, daß nun die reaction Alles ohne unterschied wegschwemmen wird,
sie hat durch Bach’s und schwarzenbergs ungeschicklichkeit kraft und ei-
nen Anschein von recht gewonnen. dieser Augenblick ist jetzt da.
Pressburg 9. october
das herrliche herbstwetter, welches wir seit einiger Zeit haben, erlaubte
mir nicht länger in Wien zu bleiben, wenn ich auch sonst lust dazu gehabt
hätte. ich fuhr also gestern um 2 uhr von dort ab, war um 5 hier im grünen
Baume und ging Abends zu fidel Palffy, wo ich louis und einige andere
herren fand. Auf der eisenbahn war ich mit emmanuel Zichy gefahren und
soupirte dann mit ihm, Pepi Zichy, Berenyi etc. in meinem hôtel. heute
früh machte ich mit louis Palffy und seinen Buben eine Promenade nach
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien