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Tagebücher498
dem Berchtoldschen hause an der tyrnauer eisenbahn, wo ich mich nach
mathilden erkundigte.
ich habe eigentlich gar kein bestimmtes reiseziel oder Project, ausge-
nommen das, einige Zeit, solange das Wetter es erlaubt, herumzufahren.
vielleicht gehe ich nach orossy1 zu m. Berchtold, obwohl mich die Anwe-
senheit des herrn gemahles, der eben dort ist, langweilt, nach Wettendorf
zu A. erdödy ist es mir zu weit ab. gerne wäre ich an die theiss, nach
gyula etc. gegangen oder auch an die untere donau, semlin etc., wenn mich
die rückreise bey dieser vorgerückten Jahreszeit nicht schreckte.
der kaiser tritt morgen die reise nach galizien an und wird kaum vor
ende dieses monats zurück seyn. Bisher weiß man noch nichts näheres
über die verfassungs- und ministerfrage. Bruck soll telegraphisch berufen
worden seyn, krauss und Bach dürften denn doch bald austreten.
ich war neulich bey kübeck in einer speciellen Angelegenheit, nämlich
wegen der Görzer Invasionsschulden, er empfing mich sehr freundlich und
höflich, sprach aber kein Wort über mein ihm durch Jablonowsky mitge-
theiltes mémoire.
Pesth 14. oktober
meine unbestimmten reisepläne sind, wie Alles unbestimmte, schmählich
zu Wasser geworden, anstatt der projectirten kühnen hin- und herfahrten
à la humboldt in noch unentdeckten regionen ungarns bin ich ganz ganz
spießbürgerlich einfach auf dem dampfschiffe hierher gefahren und hier
durch 4 tage ruhig im Wirthshause gesessen.
ich blieb also noch einen tag, den 9., in Pressburg, spatzieren gehend,
Abends bey fidel Palffy etc., bey tische im grünen Baum traf ich ferdinand
Zichy de malheureuse mémoire, im ersten Augenblicke schien er mir etwas
verlegen, sonst aber ganz der alte gastronom und Busenfreund aller köche,
er sprach von venedig etc. mit einer unbefangenheit, als ob dort nie etwas
vorgefallen wäre.2
Am 10. früh setzte ich mich aufs dampfschiff, bis gönyü fuhren emmanuel
Zichy und ernst esterhazy mit mir. um 1/2 7 Abends war ich hier und stieg
in der königinn von england ab, wollte noch in die ungarische oper kunok
1 nagyoroszi.
2 graf ferdinand Zichy war von 1841 bis 1848 militärkommandant von venedig und wurde
1849 wegen der übergabe der stadt an die revolutionäre von einem kriegsgericht zu zehn
Jahren festungshaft verurteilt, 1851 amnestiert. er galt als großer feinschmecker und
kreierte zahlreiche neue rezepte. vgl. etwa die charakterisierung bei Adolph helfferich,
Briefe aus italien. Bd. 1: Briefe aus triest, venedig, Piemont, genua, florenz. im spätjahre
1849 (leipzig 1850).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien