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des grundeigenthumes und somit wohl auch der Wohlstand durch die Auf-
hebung der Zolllinie und den unverwüstlichen reichthum des Bodens.
die stimmung ist, wie unter diesen umständen natürlich, eine gedrückte,
im höchsten grade, man spricht sich noch weniger aus als im vorigen Jahre,
glaubt aber noch fester als damals an einen baldigen umschwung. die or-
donnanzen vom 20. August haben hier einen ziemlich schwachen eindruck
gemacht, da sie nur etwas längst vorhergesehenes constatirten, übrigens
liegt den leuten hier jetzt viel mehr an einer veränderung des gegenwärti-
gen Administrationssystems (wenn man dieses mit diesem nahmen beehren
darf) als an politischen neuerungen, und jene ist wenigstens explicite in den
kaiserlichen ordonnanzen nicht ausgesprochen und scheint auch nach Allem,
was man sieht und hört, noch in der ferne zu liegen. übrigens hat diese Zu-
rücknahme der verfassung vom 4. märz, so verhaßt diese auch hier war, und
namentlich schwarzenbergs ungeschickte circulardepesche, worin gesagt ist,
daß der kaiser die verfassung ja nicht beschworen habe!, hier, wo man consti-
tutionelle gewohnheiten hat und treue und glauben etwas gilt, einen allge-
mein unangenehmen und nicht sehr dynastischen eindruck gemacht.
die neuesten nachrichten aus Wien lauten schlecht, die minister, na-
mentlich Bach und krauss, stehen wieder fest, schwarzenberg hat sich
für Bach sehr energisch exponirt, mit der verfassungsfrage sind wir nicht
weiter gekommen als daß eine commission zur Ausarbeitung derselben er-
nannt worden ist: 3 minister, krauss, Bach, Baumgartner und 3 reichs-
räthe, krieg, salvotti, Purkhart, also 6 Bureaukraten! und was noch mehr
ist, dieser provisorische Zustand zwischen verfassung und Absolutismus,
welcher sowohl das regieren als die Administration in suspenso hält, wird
noch gott weiß wie lange fortdauern. Bach wird inzwischen aus Bosheit oder
dummheit möglichst viel verderben und den übergang zu einem vernünf-
tigen verwaltungssysteme erschweren, schon jetzt erläßt sein Bruder und
compère in oberoesterreich verordnungen wegen Aufstellung besoldeter
gemeindebeamter, um der Bureaukratie auch dieses feld zu öffnen. die
finanzen werden immer mehr ein Augiasstall werden. krauss hat sein An-
lehen nun geschlossen und triumphirend 87 millionen subscriptionen ver-
kündigt, wovon freylich 17 millionen invasionsschulden, 10 millionen von
der Bank und ein bedeutender Betrag vom tilgungsfonde subscribirt sind.
Erzherzog Albrecht, welchem man einstweilen „bis zur definitiven Ordnung
der dinge“ die bisherigen canaillen zur seite läßt, wird hier abkochen – – –
kurz es ist eine Wirthschaft wie in den letzten Jahren vor der ersten franzö-
sischen revolution, ich studire die geschichte dieser Jahre eben jetzt. das
sind die Wege der vorsehung …. einstweilen reist der kaiser in galizien.
ich sehe vor, daß ich unter diesen umständen meinen Winter, so gerne
ich auch wollte, weder in neapel noch im oriente, sondern in Wien oder
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien