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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
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Tagebücher508 stenz bedroht, das comité dankt ab, und übermorgen solle eine generalver- sammlung ihre Weisheit zeigen. [Wien] 29. november Wir sind plötzlich im allertiefsten Winter. durch 4 tage schneyte es fast in einem fort, dann hatten wir ein paar grimmig kalte tage, bis gegen 10° r kälte, und nun ist wieder schneewetter, für diese Jahreszeit etwas Au- ßerordentliches, alle Wege sind verschneyt und die Posten im rückstande. neues gibt es hier gar nichts, man hört wohl bald sagen, die neue ver- fassung werde in kurzem erscheinen (nicht: wie sie aussehen werde), das gemeindegesetz, die gerichtsverfassung, die politische organisation werde große veränderungen erleiden etc., bald hört man wieder, es werde vor der hand, nämlich bis die allgemeine politische constellation beruhigender aussehe (i.e. ad calendas graecas), gar nichts Wesentliches geschehen, das Andere wie das eine hat Wahrscheinlichkeiten für sich. indessen wird die stagnation immer ärger. die regierung steht still, quasi in articulo mortis. Die vor ein paar Jahren so fieberhaft thätigen Ministerien sind vollkom- men unproductiv geworden, und die ganze regierungsthätigkeit hier und in den Provinzen beschränkt sich auf ein terroristisches Polizeywesen, wo- bey die gensdarmerie die hauptrolle spielt, und das bisher nie erhört war und wohl selbst in rußland nicht in diesem maße existirt. Ausweisungen in massen von in- und Ausländern, besonders auf der Börse, wo eine wahre Judenhetze gehalten wird. Weiss leistet das unglaubliche, um sich und die regierung verhaßt zu machen, nun hat er seine vexationen sogar schon auf die Kornbörse ausgedehnt, wo immer 12–20 Gensdarmen mit gepflanztem Bajonnett umherspatzieren. Wir werden bald bey ganz mittelalterlichen Zuständen ankommen. die Presse ist stumm, weil ihr suspension, Auswei- sung und stockhausarrest droht, nur der lloyd hat den muth, mit vortreff- lichen Artikeln über unsere administrativen und finanziellen Zustände zu kommen, die sensation machen. ich beschäftige mich übrigens mit diesen dingen wenig, j’en ai pris mon parti, sondern lebe ruhig und langweilig in den tag hinein, sitze bis gegen 2 uhr zuhause, besuche dann gewöhnlich auf ein paar stunden meine kleine gittersberg,1 welcher ich wirklich und allein meinen leidlich guten humor verdanke, sitze Abends in irgend einem theater und nachher im casino, inmitten der ausgezeichneten und interes- santen gesellschaft, welche dort zusammen kömmt, j’en ai pris mon parti aussi. daß sich dieses nicht den ganzen Winter hindurch so forttreiben wird lassen, daß ich also fortgehen will, darüber bin ich mit mir einig, ebenso 1 die zuvor immer katharina güttersberger genannte tänzerin am kärntnertortheater.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Volume II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Subtitle
Tagebücher 1839–1858
Volume
II
Author
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Editor
Franz Adlgasser
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2011
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
716
Keywords
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Category
Biographien

Table of contents

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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