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Jänner 1852
schwankt um 20% herum. von Projecten etc. Baumgartners oder kübecks
verlautet nichts, wohl aber, daß die verlegenheiten immer größer werden,
daß selbst italien schon anfängt passiv zu werden, und baares geld hinge-
schickt werden muß.
inzwischen thut louis napoleon jeden tag einen schritt weiter zum kai-
serthrone, zieht in die tuilerien, pflanzt die Adler auf die fahnen, läßt das
geld mit seinem Bildnisse prägen etc. ob er geschickt daran thut, soviele
kleine vorbothen voranzuschicken, anstatt den schritt mit einem mahle zu
thun, werden wir sehen. er mag wollen oder nicht, so wird ihn, glaube ich,
dieses napoleon spielen in den krieg hineinreißen. in england schwankt das
ministerium, und lord Palmerston war vielleicht nie so bedeutend wie jetzt,
die nächste session wird es wahrscheinlich stürzen, und was dann für ein
cabinett folgen werde? nescio, vielleicht Palmerston als Premier.
hier sitzt seit einigen tagen die Zollconferenz, schwarzenbergs stecken-
pferd, wovon er sich, mit seiner gewöhnlichen suffisance, große dinge, u.a.
die sprengung des Zollvereins verspricht, es wird aber wieder nur „schätzba-
res material“ wie in dresden daraus werden,1 die tiefe spannung mit Preu-
ßen wird täglich tiefer und unheilbarer.
der fasching hat bereits brillant begonnen. für mich eine ursache mehr,
um wegzugehen, am 12. denke ich abzureisen, über Berlin nach Brüssel.
ich habe noch zu guter letzt eine häusliche catastrophe erlebt, indem
meine kathi g[üttersberger] in folge von rangstreitigkeiten ihre entlas-
sung vom kärnthnerthortheater erhalten (resp. genommen) hat, dieses eu-
ropäische ereigniß hat mich ein paar tage lang in Athem erhalten.
henriette todesco habe ich in dieser letzten Zeit öfters gesehen.
das Wetter ist ganz magnifique, unnatürlich schön für diese Jahreszeit,
ich hoffe, es bleibt so, bis ich reise.
[Wien] 14. Jänner
heute Abends reise ich ab, ich habe es aus einer oder der anderen ursache
bis heute verschoben, ich habe sehr warmes nebelwetter.
Positives neues gibt es nichts, um so mehr gerüchte jeder Art. georg Ap-
ponyi ist vom kaiser berufen worden, um über das statut für ungarn con-
sultirt zu werden, und man fing gleich damit an, ihn in eine commission
1 die von der österreichischen regierung einberufene Zollkonferenz der deutschen staaten
tagte seit 4.1.1852 in Wien, sie wurde jedoch von Preußen, mecklenburg und den thürin-
gischen kleinstaaten nicht beschickt. ministerpräsident fürst felix schwarzenberg hatte
in seiner rede zum schluss der dresdener konferenzen am 15.5.1851 gesagt, als ergebnis
„liegen uns schätzbare materialien vor, […] welche, wenn sie gehörig benutzt werden, zur
zweckmäßigen Ausbildung und verbesserung der Bundesverfassung, somit zur erstarkung
und zur Wohlfahrt des Bundes wesentlich beitragen können.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien