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Februar 1852
[Brüssel] 29. Jänner
ich habe diese tage über gar niemand von Bekannten gesehen, außer an
unserer table d’hôte die gräfinn kisseleff, welche sich auf ihrer durchreise
nach Paris ein paar tage hier aufhielt, eine liberale sentimentale Polinn,
die nach celebritäten jagt, diese 2 letzten tage hat sie fast unsichtbar und
plotting mit girardin und victor hugo zugebracht. es ist sonderbar, daß
die meisten russinnen (und auch russen) im Auslande und namentlich in
frankreich immer für den constitutionalismus Parthey nehmen, nament-
lich in frankreich, wo es die frauen schmeichelt, eine macht zu seyn, was
sie sonst nirgends in dem maaße sind. cela pourrait bien donner à penser
à l’empereur nicolas. mich ennuyiren übrigens diese frauen, die sich so
ins Blaue für dinge enthusiasmiren, die sie nur halb verstehen, und die sie
nichts angehen.
die ministercrisis ist beygelegt, man hat der französischen regierung gute
Worte gegeben, und mehrere flüchtlinge, u.a. victor hugo, welcher hier ein
manifeste au peuple français schmiedet, und der eigentlich die veranlassung
der ganzen crisis war, haben versprochen, fortzuziehen, letzterer jedoch
nicht eher, als er sein manifest hier dem drucker übergeben haben wird.
die confiscation der orléansschen güter haben überall, namentlich aber
hier, die größte entrüstung erregt und dem Präsidenten die freunde, wel-
che er noch unter der reactionären und katholischen Partey hatte, abwendig
gemacht. hier dringt besonders die ultraliberale Partey auf rüstungen und
verbreitet panischen schrecken vor einer invasion der franzosen, auch in
england träumt man von nichts als krieg, rüstungen und küstenbefesti-
gung, und wie so oft kann aus dem lärmen die Wirklichkeit entstehen. Wir
sind wie natürlich inniger als je mit louis napoleon verbündet, wir kehren
uns weder an unsere interessen noch an Principien, wer dreinschlägt, der ist
unser mann.
gestern war ich bey unserm chargé d’Affaires Zaremba, als ich ihn neu-
lich aufsuchte, war er in Antwerpen, ich werde mich also jetzt ein Bischen
lanciren, bisher lebte ich sehr einfach, ging alle Abend in irgend ein thea-
ter, es gibt viele premiers sujets aus Paris hier auf gastrollen, so daß alle
Abende doch irgend etwas sehenswürdiges vorhanden ist, so sah ich frede-
ric lemaitre und clarisse miroy im Paillasse und in d’césar de Bazan, dann
fréville in mariage de victorine, ich liebe das französische theater sehr und
halte es für das erste in der Welt.
Aus Wien nichts neues.
[Brüssel] 1. februar
das einfache leben beginnt einförmig, d.i. langweilig zu werden. Alle tage
dasselbe, beynahe gar kein menschlicher umgang, um 1/2 5 meine table
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien