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Tagebücher526
d’hôte zwischen Jennison und e. girardin, Abends ein theater, toujours per-
drix, dazu seit ein paar tagen ein scheußliches Wetter, die unbequemlich-
keit, keinen Bedienten mit mir zu haben, endlich ein Anfang von grippe, die
ich den hiesigen kaminen verdanke. Alles dieses zusammengenommen con-
stituirt ein sehr mäßiges vergnügen. Auch sehe ich nicht ein, wie dieses um
vieles besser werden kann. Zaremba und die beyden Brüder grünne wollen
mich zwar aller Welt vorstellen, wozu ich aber keine große lust habe, die
gesellschaft ist sehr zahlreich und sehr animirt, alle tage gibt es irgendwo
einen Ball oder rout, eben dieses aber ist für mich, da ich nicht tanze und
überhaupt nur auf einige Wochen hier bin, pas mon affaire, was mir conve-
niren würde, wären ein paar salons, wie ich sie z.B. voriges Jahr in venedig
hatte, wo ich Abends ruhig meinen thee trinken könnte. fremde gibt es hier
gar nicht, wenigstens keine solche, die in gesellschaft gehen. grünne hat
mich in zwey hiesigen clubs: de l’union und du Parc vorgestellt. gestern
Abends war ich eine halbe stunde auf einem Bal masqué im großen theater,
ganz elend, die Belgier sind überhaupt ein steifes langweiliges volk, dazu
sehr tugendhaft, es steht ihnen daher sehr schlecht an, wenn sie auf einmahl
die écervelés spielen wollen.
Neulich unterhielt ich mich vortrefflich in einer Vorstellung Robert Ma-
caire’s durch frederick lemaitre, am selben Abende im theater traf ich
ganz unvermuthet den russischen Offizier, mit dem ich im August die paar
tage in interlaken zugebracht hatte, dessen nahmen ich übrigens nicht
weiß.
ich werde wahrscheinlich bald einen kurzen Ausflug nach Paris machen,
incognito, um mich ein Bischen zu amusiren. Auch zu Augusta [horrocks]
in die gegend von namur will ich jedenfalls gehen, jedoch nicht vor ende
dieses monats. ob ich auf meiner rückreise über holland gehe und haag
berühre, d.h. doblhoff besuche, weiß ich noch nicht, ich thäte es aus mehrern
ursachen gerne, weiß jedoch noch nicht, ob es angemessen seyn würde. An-
fangs oder mitte märz denke ich wieder in Wien zu seyn. von dort höre ich,
daß schwarzenberg zur herstellung seiner gesundheit auf urlaub gehen
soll!! die valuta wird übrigens immer schlechter, ich bin neugierig, welche
Wirkungen der neue tariff, der heute ins leben tritt, äußern wird, die Zölle
werden in Papiergeld bezahlt, also eine Prämie von 25–30 percent für den
ausländischen industriellen! übrigens spricht man von einer großen Anleihe
durch rothschild! An den administrativen und gerichtlichen reorganisatio-
nen in folge der letzten Patente wird gearbeitet, doch soll es, wie es schon
jetzt heißt, 1–2 Jahre dauern – ! – mittlerweilen sind sämmtliche Beamte
wieder provisorisch, das experimentiren in anima vili nimmt kein ende,
denn die anima villi [sic] selbst rührt und regt sich nicht, und so wird das
ding fortgehen, bis man sie durch lauter experimente getödtet hat, wo dann
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien