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Februar 1852
keine kunst mehr hilft, oder, der glücklichere fall, bis ein äußeres unvorher-
gesehenes ereigniß dazwischenfährt.
Als observationsposten ist Brüssel sehr interessant, england und frank-
reich vor der thüre und in engster verbindung mit diesem lande. die
hiesige regierung (welche jetzt in den händen eines sehr liberalen mini-
steriums: rogier, frére etc. ist, daher die conservative Party des Adels und
größeren grundbesitzes ebenso wie die katholische Partey gegen sich hat)
hat den Anforderungen frankreichs schritt vor schritt und de mauvaise
grâce nachgegeben, das Bulletin français ist vorgestern saisirt, mehrere
flüchtlinge weggewiesen worden, v. hugo wird sein manifeste nicht hier
drucken lassen etc. van de Weyer, der von seiner begütigenden mission nach
Paris zurückgekehrt (und auch schon nach london abgereist ist, so daß ich
ihn nicht sah), soll hier diese maßregeln herbeygeführt haben. Wir sind ein
leib und eine seele mit l. napoléon und drängen auf das arme kleine Bel-
gien, möchten das jetzige cabinett stürzen, die verfassung modifiziren etc.
die relationen l. napoleons zu england werden übrigens täglich kriti-
scher. das Parlament, das übermorgen eröffnet wird, wird manches brin-
gen, jedenfalls den sturz des cabinetts und vielleicht lord Palmerston als
Premier. eine einzige frage übrigens, welche wenigstens fürs erste bey-
gelegt zu [sein] scheint, es ist dieß aber auch die einzige seit 1848, ist die
schleswigholsteinische, und zwar in ziemlich annehmbarer Weise.1
[Brüssel] 7. februar
ich war diese ganze Woche elend, durch 3 tage hatte ich, Abends, ein hef-
tiges fieber und dann einen wahren Pferdehusten, welcher mich besonders
bey nacht quälte. Auch verfiel ich jede nacht in einen so starken schweiß,
wie ich mich dessen nie erinnere. Alles folge von verkühlung. ich saß da-
her den ganzen tag zuhause, umsomehr als das Wetter fast die ganze Zeit
über ein scheußliches war, es stürmte und regnete in einem fort, des Abends
aber trieb mich die verzweiflung dennoch ins theater, mit Ausnahme eines
Abends, an welchem ich zu Jennison hinabging und bey ihm meinen thee
trank. Jetzt ist es besser, doch noch nicht ganz zu ende, und eben gestern
Abend, wo ich mit Zaremba zu seckendorf, dem preußischen gesandten,
ging, débutirte ich auf die schandvollste Weise durch einen hustkrampf, der
1 die schleswig-holsteinische frage wurde erst durch die unterzeichnung des londoner Pro-
tokolls am 8.5.1852 beigelegt. darin wurde die integrität des dänischen gesamtstaats zur
europäischen notwendigkeit erklärt, die verbindung der herzogtümer in Personalunion
mit dänemark bestätigt und die erbfolge in den herzogtümern jener in dänemark angegli-
chen. im gegenzug wurde festgehalten, dass die herzogtümer als eigenständige einheiten
erhalten bleiben müssten und schleswig verfassungsmäßig nicht enger mit dänemark ver-
bunden werden dürfte als holstein.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien