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52912.
Februar 1852
leute, ihre hände in den schoß zu legen, es sind beyde Wagehälse, welche
einen kampf auf leben und tod unternommen haben (und das ist schwar-
zenbergs fehler, denn bey uns wenigstens war dieses nicht notwendig).
[Brüssel] 12. februar Abends
ich kann diese unglückliche grippe nicht los werden, dazu das Wetter, nach
beständigen regengüssen, in deren folge halb Belgien bis an die thore von
Brüssel überschwemmt war, haben wir nun rauhe unfreundliche tage, wel-
che meinem husten nicht zuträglich sind. vielleicht curirt mich luftverän-
derung, da ich übermorgen früh nach Paris gehe.
ich habe mich in diesen tagen ein bischen lancirt, d.h. ich bin auf 2 Bäl-
len gewesen: am montag, den 9. im sogenannten concert noble und gestern
bey hofe, wo ich dem könige vorgestellt wurde, der könig sprach mit vielem
takt und geiste von dem guten Beyspiele, welches dieses land im Jahre
1848 gegeben habe, indem er, halb gegen Zaremba, der mich vorstellte, ge-
wendet, ein paar feine hiebe gegen unsere regierung führte, welche jetzt so
vornehm auf dieses kleine land und auf die verfassung herabsieht, die sich
damals so glänzend bewährte. nach den Praesentationen fing der Ball an,
und ich suchte keine gelegenheit mehr, mit dem könige zu sprechen, die
langeweile eines jeden hofballes, dazu noch eines solchen, wo ich beynahe
kein bekanntes gesicht sah, lähmte mich.
heute sollte ich auf einen brillanten Ball bey Baron goethals gehen, man
hatte mich à mon corps défendant mit dem Ballgeber bekannt gemacht, wel-
cher mich sogleich einlud (pour me faire voir une fête de Bruxelles), doch
hatte ich an jenen beyden échantillons genug und entschuldigte mich heute
Abends mit meiner grippe, da ich nicht lange, und bey der kürze meines
Aufenthaltes es nicht der mühe werth finde, mich à tort et à travers vorstel-
len zu lassen, so war wirklich kein grund da hinzugehen.
soviel ich von der hiesigen gesellschaft gesehen, ist nicht besonders viel
daran, gar keine schönen, kaum ein paar hübsche, und sehr wenige elegante
frauen, und die männer ziemlich spießbürgerlich und uninteressant.
neulich sah ich mir die Bildergallerie im museum an, wenig daran, ta-
ges darauf die 2 schönen Bilder von gallait und Bièfve im Palais de Justice,
heute war ich mit Jennison in den Ateliers des Bildhauers geefs und des
malers verbokhoeven, beydes ganz interessante männer.
heute ist fm nugent und sein sohn aus england hier angekommen und
wohnen hier im hause, ich will sie morgen aufsuchen.
ich habe gestern doblhoff nach dem haag geschrieben, um ihm, da ich ihn
nicht sehen werde, doch ein lebenszeichen aus der nachbarschaft zu geben.1
1 die Antwort von frh. Anton v. doblhoff v. 15.2.1852 in k. 115, umschlag 666. er beschreibt
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien