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Tagebücher530
Paris 17. februar morgens
Am 13. war ich viel mit vater und sohn nugent zusammen und aß auch
mit ihnen an unserer table d’hôte, sie erzählten mir manches interessante
aus und über england. fm nugents Aufenthalt daselbst gerade zu der kri-
tischen Zeit kossuths und des Austrittes Palmerston’s hat viel gutes ge-
wirkt und vielleicht zu der Annäherung an oesterreich (welche übrigens,
außer in der stimmung der königinn, noch nicht sehr weit gediehen ist)
beygetragen. Prinz Albert ist sehr gegen uns eingenommen und preußisch
gesinnt, soll aber in der letzten Zeit durch die drohende kriegsgefahr mit
frankreich etwas umgestimmt seyn. im ganzen sey die stimmung ziemlich
für uns, weil man einsähe, wie man sich dadurch, daß man uns, englands
uneigennützigsten Alliirten vor den kopf stieß, auf dem continente isolirt
habe. übrigens betrachte man uns als satelliten rußlands und halte ein
Zusammenbrechen aus finanziellen ursachen für unvermeidlich. nugent
glaubt, ohne äußeren Anstoß werde das ministerium dort sich halten, und
Palmerston habe nur chancen im falle eines krieges, und wenn er sich mit
den tories verbündet.
Am 14. früh 1/2 9 uhr fuhr ich ab und war um 5 hier, wo mir villers im
hôtel d’orient, rue neuve s. Augustin 48, ein ziemlich ärmliches Quartier
bestellt hat. er kam, als ich eben angekommen war, zu mir, und wir gingen
mit einander in ein café in der rue de la Paix essen. nach tische machte ich
toilette etc. und fuhr dann ins théatre français, wo man mlle de la seiglière
mit gewohnter vortrefflichkeit gab, hierauf in den Jardin d’hiver, wo ein gro-
ßer Wohltätigkeitsball von vielleicht 5000 Personen war, wo ich mich in der
foule und hitze weidlich ennuyirte, bis ich villers fand, dem ich da ein ren-
dezvous gegeben hatte, dann fuhren wir gegen 1 uhr auf den Bal de l’opéra,
dort trieb ich mich herum, sah eine Zeit lang aus der loge der englischen
Ambassade dem treiben zu, fand einige Bekannte, Andrássy, san teodoro
etc., traf einige bekannte masken aus Wien, einige unbekannte etc., kurz
blieb bis gegen 6 uhr früh.
tags darauf, sonntag, einem herrlichen tage (es ist hier überhaupt viel
wärmer als in Brüssel, und in den champs elysées schlagen schon die
Bäume aus) ging ich zu hübner. da weht eine ganz napoleonistische luft,
zum unterschiede von allen anderen leuten, die ich bisher sah, namentlich
darin die internationale lage sehr pessimistisch und resignierend. es sei ein großer Arzt
notwendig, um das Ausbrechen einer großen krise zu verhindern. „Alle Quacksalbereien,
niederschlagende Pulver etc. sind im besten fall wirkungslos. dieß meine überzeugung
und resignation, zum mindesten kann ich mir den gegenwärtigen annormalen Zustand
wohin man blickt und dieses unbegreifliche Ineinandergehen von Tollheit und Stumpfsinn,
von cynismus und fanatismus und wie so viele andere große Widersprüche heißen, nicht
Anders erklären.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien