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Tagebücher536
nichtsdestoweniger schon deßwegen, weil ich mir vorgenommen hatte, nicht
vor 7 uhr nachhause zu gehen. da setzte sich im foyer ein domino zu mir,
welcher mir am ende die gewöhnliche Proposition machte de la conduire
souper, was ich annahm, weil ich darin ein mittel sah, die Zeit todtzuschla-
gen, weiter verlangte ich nichts, denn mein Pulver war verschossen, et bien
m’en pris, denn die dame war, als sie sich bey frascati demasquirte, nichts
weniger als hübsch zu nennen, eine femme entretenue aus dem Quartier du
Palais royal, übrigens recht amusant, und die mich durch die Bescheiden-
heit ihrer Ansprüche und dem himmelweiten Abstand ihrer ideen von denen
ihrer eleganten colleginnen des Quartier de la rue lafitte etc. unterhielt.
nach dem souper ging ich noch für mich allein in die maison dorée einen
thee trinken und um 7 nachhause, während auf den straßen schon Alles
lebendig war, bey den restaurans aber noch die soupers etc. des Bal masqué
fortdauerten.
unter anderen masken fand ich gestern auch meine grisette wieder, mit
der ich im vorigen sommer im château rouge die komische Aventure hatte.1
um 8 uhr fuhr ich dann von Paris ab, verschlief fast die ganze reise und
war um 5 hier, gerade um die Zeit der tabledhôte, wo ich wie täglich Jenni-
son und girardin fand. Auch Briefe fand ich vor, u.a. von gabrielle, welche
meint, ich solle nun nachhause kommen, und das will ich nun auch thun.
[Brüssel] 28. februar
morgen 11 uhr verlasse ich Brüssel und fahre über namur zu Augusta [hor-
rocks], wo ich ein paar tage bleiben und dann meine rückreise nach Wien
antreten werde, dort hoffe ich dienstag den 9. anzukommen.
vorgestern Abend war ich bey seckendorff, Abschied zu nehmen, doch
war er unwohl und nicht im salon, gestern aß ich mit Zaremba bey gräfinn
spangen, einer sehr liebenswürdigen jungen frau.
die conservative Parthey ist jetzt thätiger als je, um das ministerium zu
stürzen, scheint sich aber dabey ungeschickt zu benehmen, eine interpel-
lation des m. osy über den Zustand der vertheidigungskräfte des landes,
welche in jener Absicht gestellt war, verschaffte vorgestern dem cabinette,
welches sehr gut operirte, anstatt einer niederlage einen triumph. der kö-
nig selbst soll über den gang seiner minister stutzig geworden und aus der
unthätigkeit, die er sich seit 1848 freywillig auferlegte, hervortreten zu wol-
len. diese manœuvres werden von uns und frankreich unterstützt, weil ein
katholisches ministerium in der flüchtlingsfrage und überhaupt in Preßsa-
chen gefügiger seyn würde, england und Preußen dagegen operiren gegen
uns. letzteres hat Belgien für den fall einer französischen invasion hülfe-
1 vgl. dazu eintrag v. 13.7.1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien