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Tagebücher538
liebe im mindesten zu vergessen), und ihren 2 kindern in ziemlich kleinen,
jedoch nicht drückenden verhältnissen. das einzige, was sie zu bekümmern
scheint, ist die minder angenehme, weil mehr precaire lage ihrer mutter
und geschwister, die in louvain leben. sie ist äußerlich ziemlich verändert,
sonst aber ganz die vortreffliche, seltene Person von männlichem edlem
geist und charakter, welche sie seit ich sie kenne, also seit 17 Jahren war.
ihres gleichen in diesen Beziehungen habe ich nie gefunden. Alicia ist amu-
santer, leichter, vielleicht auch geistreicher als sie, und ihr Aufenthalt in
indien hat ihr eine größere Weltansicht und routine gegeben.1 clara ist wie
immer ein wahrer engel von verblassender schönheit, aber so taub, daß mit
ihr nicht zu sprechen ist.
so lieb mir aber die menschen sind, unter denen ich bin, so könnte ich
doch einen langen Aufenthalt unter ihnen nicht wohl ertragen. das eng-
lische Wesen, ihre erziehung und Ansichten sind von den unserigen weit
verschieden, und ebensosehr die individuelle stellung und richtung meiner
Wirthe von den meinigen. Wir haben kaum irgend etwas Anderes unter uns
gemein als die erinnerung an eine lange vergangene Zeit und an einen ro-
man, den wir gespielt haben, und der natürlich in dem leben einer frau
eine größere Bedeutung hat als in dem des mannes.
obwohl ich nun dritthalb tage beständig unter ihnen verlebt habe, so bin
ich doch nicht dazu gekommen, Augusta manches zu sagen, was ich ihr sa-
gen wollte, nämlich über mich, meine stellung, meine An- und Aussichten,
was sich brieflich nicht wohl sagen läßt. einestheils waren wir wenig allein,
und doch wollte ich, was ich zu sagen gehabt hätte, niemandem als ihr sa-
gen. Andererseits wollte ich eine jede sentimentale scene vermeiden, wozu
mir Augusta, welche sehr weich gestimmt war, ziemlich aufgelegt schien. es
wäre mir leid, wenn ich nicht noch gelegenheit finden sollte es zu thun, denn
Augusta gehört zu den, sehr wenigen, leuten, von denen ich vollkommen
gekannt zu seyn wünsche.
morgen 11 uhr fahre ich ab, über cöln und Berlin, wo ich mein erstes
nachtlager nehmen werde.
Am 28., dem letzten Aufenthaltstage in Brüssel, hatte ich eine lange un-
terredung mit e. girardin, welchem ich die geschichte der französischen
revolution von louis Blanc, die er mir geliehen hatte, zurückbrachte. er
setzte mir ein Werk auseinander, welches er eben zum drucke befördert,
und worin er seine theorie der organisation der staatsmaschine auseinan-
dersetzt.2 es ist, wie ich ihn nun während eines einmonatlichen Beysam-
1 Alicia Wilkinson, geb. horrocks, hatte mit ihrem mann in indien gelebt und war nach des-
sen tod 1851 nach europa zurückgekehrt.
2 Émile de girardin, la Politique universelle, décrets de l’avenir (Brüssel 1852).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien