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Tagebücher544
nen und scheint recht gut zu seyn. Auch bey henriette todesco habe ich ein
paar Abende zugebracht, doch geht sie in ein paar tagen fort. im übrigen ist
mein leben das gewohnte: Abends ins theater weil ich muß, ins casino weil
ich muß, in gesellschaft zu gehen habe ich ebensowenig lust als zuvor, und
ebensoviele gründe es nicht zu thun.
ich habe so eben eine interessante Brochure gelesen, welche ich in Berlin
kaufte, the mystery of the danube von urquhart, welche über die Politik im
oriente ganz merkwürdige Aufschlüsse und viel zu denken gibt,1 ich will sie
rechberg geben.
Wir haben einen sehr strengen nachwinter gehabt, seit ich hier bin, viel
schnee und grimmig kalt. Beydes ist nun vorüber, hoffentlich für immer.
[Wien] 24. märz
die russischen großfürsten sind noch immer les lions du jour, man überbie-
thet sich in festen etc. ihnen zu ehren, es ist eine Art demonstration der
Aristokratie, que je trouve de bon goût, puisqu’elle n’engage a rien. Auch
bey hofe werden am 26. neue tableaux stattfinden, in deren einem auch
gabrielle eine hauptrolle hat. mich hat man bisher zu keinem dieser hof-
feste eingeladen, zum theile wohl, weil ich bisher abwesend war, daher
nicht auf der liste stand (?), und ich wünsche sehr, daß man mich auch das
nächstemahl übergehe, es ist mir passender gar nicht zu erscheinen, ganz
beyseite zu stehen, am hofe wie in der übrigen gesellschaft, in diese letztere
habe ich seit 1848 keinen fuß gesetzt, sondern nur einzelne gute Bekannte
in ihrer intimität aufgesucht, und diese rolle halte ich für die angemessen-
ste, sie fällt nicht auf, da es eine menge menschen aus der aristokratischen,
besonders aus der nicht mehr ganz jungen Welt gibt, welche ohne alle poli-
tische motive dasselbe thun, und sie schützt mich vor allen vergleichungen
und unangenehmen conversationen, freylich reducirt sie mich auf eine sehr
langweilige und einförmige lebensweise, da mir der weibliche umgang, auf
den ich einen sehr großen Werth lege, hier fast gänzlich abgeht, andererseits
verliere ich an dem umgange mit der hiesigen gesellschaft und den hiesigen
damen wahrhaftig nicht viel, es sind meistens kleinstädterinnen von einem
unglaublich beschränkten ideenkreise und wenig Bildung, die ich übrigens
größtentheils von früher in- und auswendig kenne.
Politisch nicht viel neues, in england scheint das ministerium zur Auflö-
sung des Parlamentes gezwungen zu werden, und seine dauer wird immer
zweifelhafter. louis napoléon hat sich durch die conversion der 5% rente
1 david urquhart, the mystery of the danube: showing how, through secret diplomacy, that
river has been closed, exportation from turkey arrested, and the re-opening of the isthmus
of suez prevented (london 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien