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März 1852
eine neue schwierigkeit bereitet, da, wie ich höre, eine masse von capitalien
gekündet werden. der Zollcongress hier hat, wie mich Becher versichert, gar
kein, wie die offiziellen Blätter sagen, ein glänzendes resultat, soviel scheint
ausgemacht, daß wir in deutschland an terrain verlieren, was bey dem bley-
ernen despotismus, welcher sich hier immer mehr festsetzt, natürlich ist.
traurig übrigens ist es, daß wir unsere Zeit und unsere kräfte an solche mi-
sérable katzbalgereyen mit Preußen verwenden, während dem tausendmahl
größere interessen im oriente und anderswo uns in Anspruch nehmen sollten.
schwarzenberg wird, wie man mir sagt, täglich blöder und geht mit ra-
schen schritten stadion’s Weg, die einzige Ähnlichkeit, die er mit diesem
hat, er leidet am schwindel, schlafsucht etc.
die geschichte mit der marianne1 macht einen sehr bösen eindruck, die
stimmung scheint noch weit übler als bisher, obwohl man die leute, welche
das maul aufthun, zu dutzenden einfängt, die Aristocratie schweigt, und
der enthusiasmus, welchen sie noch vor kurzem für die Person des kaisers
zeigte, scheint verflogen, bey einer jeden anderen Aristocratie als der unsri-
gen wäre bloßes schweigen wenig, hier, wo besonders unter den häuptern
derselben eine blinde unterwerfung, eine vollkommene Abnegation eines je-
den urtheiles in öffentlichen dingen eine angeerbte gewohnheit ist, wo man
davon, que noblesse oblige, auch nicht die geringste Ahnung hat, ist dieses
schweigen bedeutsam.
georges Apponyi ist wieder berufen worden und wird erwartet, à quoi
bon? man versucht hier eine Art von Adelsdeputation zu organisiren, welche
den kaiser in ungarn bewillkommnen soll, und hat einstweilen louis károly
und edmund Zichy, die allzeit getreuen, ausgefunden, die sollen nun hinab-
gehen, um zu recrutiren – ! –
das Wetter ist magnifique, ein wahres frühlingswetter, doch leide ich
noch immer an husten und Brustschmerzen, die ich seit Brüssel nicht los
werden kann. gestern war ich in schönbrunn, die glashäuser und in der
ménagerie den neuen Auerochsen, ein geschenk des russischen kaisers an-
sehen.
ich lese jetzt mit großem interesse riehl’s bürgerliche gesellschaft.2 man
fängt jetzt besonders in deutschland an, die rechnung von 1848 abzuschlie-
ßen und die resultate daraus zu ziehen, und da offenbart sich eine bedeu-
tende Wiederannäherung an die Principien der Aristocratie und ständischen
institutionen, überhaupt an das englische system. das ist eine sehr erfreu-
liche errungenschaft. die übertriebene Bedeutung der staatsidee (und folg-
lich mit ihr die macht der Bureaukratie) muß gebrochen werden.
1 der raddampfer marianna, vgl. eintrag v. 19.3.1852.
2 Wilhelm heinrich riehl, die bürgerliche gesellschaft (stuttgart 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien