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Tagebücher546
[Wien] 29. märz
die großfürsten sind endlich vorgestern fort, nachdem noch am Abend vor-
her neue tableaux etc. bey hofe gewesen waren, wobey auch gabrielle fun-
girte. ich war, sonderbarer Weise, nicht geladen, worüber ich mich freute,
da es mir sehr ungelegen gewesen wäre, gerade bey dieser gelegenheit zu
erscheinen. Wie mir scheint, wartete und erwartete man ein Wort von gabri-
elle, die aber von mir instruirt war, nichts zu sagen.
man beschäftigt sich jetzt viel mit des kaisers reise nach ungarn, die er
im may und zwar (wie unpassend!) zur enthüllung des hentzidenkmales an-
treten soll.1 louis karoly und edmund Zichy (zwey menschen, die hinreichen,
um in ungarn Alles und Jedes zu discreditiren) haben eine Art von empfangs-
comité bilden wollen. ob die idee, jedenfalls eine unglückliche, von erzherzog
Albrecht, wie sie sagen, oder von ihnen, wie ich glaube, ausgeht, nescio, man
will an alle ungarischen kammerherrn und geheimräthe persönliche einla-
dungen nach Pesth im nahmen des erzherzogs schicken. ich wurde um meine
meinung befragt und antwortete: wenn die einladung im nahmen des erz-
herzogs geschähe, dann müsse man kommen, zugleich aber auch dem kaiser
die lage des landes ohne alle schminke darstellen und ihm nach den ersten
Begrüßungen zu diesem Zwecke deputationen schicken. der Adel des landes
könne unmöglich um den souverain versammelt seyn, ohne seine Pflicht, ihm
die volle Wahrheit zu sagen, zu erfüllen oder sich auf ewig zu discreditiren.
da nun der kaiser die Wahrheit nicht hören will, so glaube ich, werden alle
jene schritte unterbleiben, und er wird mit ein paar hofräthen und generä-
len durch das land ziehen. erzherzog Albrecht ist, ganz wie ich es vorher-
gesagt hatte, vollkommen auf die seite der Bureaukraten getreten, in seiner
geistigen Beschränktheit und militärischem kamaschengeiste begreift er nur
blinde willenlose unterwerfung. sinn für recht hat weder er noch einer aus
seinem hause, und überdieß ce ne sont pas des gentilshommes.
erzherzog Albrecht ist vorgestern nach ungarn, am 3. folgt ihm das ganze
haus nach, also auch gabrielle, das wird für mich ein schwerer verlust
seyn. nicht nur verliere ich damit meine einzige Ansprache und meine beste
freundinn, sondern auch den fast einzigen ort, wo ich hie und da gesell-
schaft, und namentlich weibliche gesellschaft, die mir hier beynahe ganz
abgeht, antraf. ich war neulich wieder einmahl des Abends mit mehreren
leuten dort, u.a. mit Bárkoczy’s. gabrielle hat sich in den kopf gesetzt mich
zu verheirathen, doch scheint mir dieses schwieriger, als sie glaubt, aus in-
neren und äußeren gründen.
1 das denkmal für die bei der verteidigung der festung ofen im mai 1849 unter dem
kommando von general heinrich v. hentzi gefallenen kaiserlichen truppen wurde am
11.6.1852 im Beisein des kaisers enthüllt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien