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April 1852
stürzt, wenn auch nicht im ersten Augenblick, system und ministerium, zum
glücke für oesterreich, besonders aber, si fata sic volunt, zum glücke für die
dynastie. dieß ist mein erster eindruck, folglich ein getheilter.
[Wien] 12. April
Am 7. um 2 uhr nachittag, als eben das leichenbegängniß felix schwar-
zenbergs sich in Bewegung setzte, fuhr ich mit der eisenbahn nach Preß-
burg (mit haller, dem ehemaligen Banus) und kam gestern, ostersonntag,
um mittag zurück. ich brachte diese 3–4 tage recht angenehm zu. Press-
burg hat, wenigstens für mich, mehr ressourcen und angenehmere Be-
kannte als Wien. Besonders angenehm war mir der salon siga Zichys, wo ich
alle Abende zubrachte. Zwey charmante, sehr hübsche und lebhafte junge
frauen: irma Zichy und vera esterhazy, sind der hauptmagnet dieses hau-
ses, mir gefällt namentlich irma Zichy ganz außerordentlich, und sie schien
sich ebenfalls nicht übel mit mir zu gefallen, c’est une femme des plus gen-
tilles et séduisantes que j’aie vues, et qui tournera plus d’une tête. Auch bey
fidel Palffy war ich oft in der Avantsoirée eine Pfeife rauchen. louis Palffy
las mir einen vormittag ein mémoire vor, welches er kübeck übergeben hat,
und das mit meiner „decentralisation“ fast wörtlich übereinstimmt. er ist
überhaupt einer der wenigen ungarn, ja fast der einzige, der nicht chorus
macht, dessen ideen über ungarn hinausreichen, und der kein (wissentli-
cher oder unwissentlicher) separatist ist. leider ist er nicht der mann dazu,
seinen ideen geltung zu verschaffen. ganz derselben Ansicht, ja noch mehr
im interesse der reichseinheit, dabey heftiger und zugleich gescheidter ist
georges Walterskirchen, der chef der grundsteuerregulirungscommission
für den Preßburger district. ich aß am samstage bey ihm, und er lud mir
einen dr. mayer, schuleninspector dazu, einen sehr gescheidten mann,
ehemaligen liberalen, deutschen und Bürgerlichen, daher heftigen Anti-
magyaren, freund der centralisation und enthusiasten der reichseinheit,
was ich da hörte, war mir sehr interessant, wenn es auch manche meiner
Ansichten und sympathieen verletzte. Was die leute dieser farbe (welche
freylich nicht sehr zahlreich seyn dürften) beklagen, ist das schwanken und
die unsicherheit des ministeriums, welches dadurch, daß es in Allem, in der
politischen, administrativen, gerichtlichen etc. organisation zurückhält und
nichts definitives erscheinen läßt, es verhindert, daß sich eine regierungs-
partey bilde, diese leute beklagen natürlich den tod schwarzenbergs, weil
sie von Bach noch weniger entschiedenes erwarten, ja sogar einen mögli-
chen sieg der Altconservativen fürchten. sie bestätigten mir übrigens, was
ich schon bey meinem letzten Aufenthalt in ungarn im herbste vorigen Jah-
res von dem enormen Aufschwunge des Wohlstandes, den steigenden Boden-
und früchtenpreisen gehört hatte. der Bauer zahlt jetzt bedeutend weniger
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien