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als früher und ist besonders mit militärverpflegung, naturalleistungen, öf-
fentlichen robothen etc. weniger geplagt. Würde man geschickter, nicht in
einer anderen Richtung, regieren, so würde man Bauer und Bürger entschie-
den für sich haben, den Adel aber werde man stets gegen sich haben, solange
man nicht die Zustände von 1847 wiederherstelle, d.h. ein abermaliges 1848
vorbereite, man könne aber den Adel entbehren.
ich war mit deßwegen nach Preßburg gegangen, um mir die sachen in
der nähe anzusehen und in muße darüber nachzudenken. mit schwarzen-
bergs tode ist ein Wendepunkt eingetreten. Bach hat einerseits seine einzige
stütze verloren, und man wird nun, besonders von seiten der ungarn, gegen
ihn wüthend sturm laufen, andererseits ist er ganz der kerl dazu, pour viver
de bord au beau matin, und, um sich zu halten, den leuten concessionen zu
machen, welche jeden schatten von reichseinheit annihiliren. es ist also der
moment gekommen, sich die dinge reiflich zu überlegen, den don Quixote
einer idee, welche keine chancen des gelingens hat, zu machen, habe ich
keine lust, und ebensowenig, ohne einen ersatz mächtige Bundesgenossen
zu verscherzen. Wenn man aber zugleich den sturz einer Person und die
vernünftig modificirte durchführung einer, zur politischen fortdauer un-
erläßlichen, idee erreichen könnte, so wäre es ein doppelter gewinn. ohne
den Adel aber in ungarn regieren zu wollen, wie jene herren meinen, wäre
ein unsinn, eine unmöglichkeit, und für mich speciell eine Widernatürlich-
keit. eher könnte ich noch die hiesige jämmerliche Aristocratie mit den fü-
ßen treten, welche zu dumm ist, ihr interesse zu erkennen, zu charakterlos,
um irgend etwas zu wagen, und die aus bloßem ererbten neid jubelt, daß
ihre standesgenossen in ungarn gedemüthigt werden, jetzt bedauern sie
schwarzenbergs tod, nicht aus irgend einer politischen überzeugung (bey
seinen lebzeiten schimpften sie um die Wette über ihn), sondern weil sie den
ungarn eine freude darüber abzusehen glauben, und weil, wie sie behaup-
ten, ich mich darüber freue! – s’ils savaient lire dans mon cœur. – – so wäre
ich also jetzt daran, die rolle des Pessimismus für einen Augenblick an den
nagel zu hängen, welche ich nun seit einem Jahre, d.i. seit meinen letzten
entrevues mit schwarzenberg, als die meinige erkannt habe, ohne sie deß-
wegen aufzugeben – fata viam invenient.
sonst sah ich von Bekannten in Pressburg noch marcell dessewffy, Paul
Zichy und seine alte charlotte etc. eine Brochure: Zwey brennende fragen
in österreich, macht in dieser todten Zeit Aufsehen, wer der verfasser sey,
nescio,1 sie spricht gegen stände, für Bureaukratie und Bach! doch will
sie berathende centralcongregationen in den Provinzen und in Wien! ku-
1 Zwei brennende Fragen in Österreich März 1852 (Wien 1852); die anonyme Broschüre
stammt von graf franz hartig.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien