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April 1852
rioses Amalgam. An ficquelmonts Buch: lord Palmerston etc. arbeite ich
mühsam,1 es ist ein langweiliges unzusammenhängendes radotage.
Buol ist minister der auswärtigen Angelegenheiten und schon seit vorge-
stern hier, ein ministerpräsident wird vorerst nicht ernannt, also faktisch
Bach als doyen.
es will noch immer nicht recht frühling werden, nachdem wir bis vor ei-
nigen tagen ein superbes Wetter, ja zu warm, bis gegen 20° r. gehabt, fing
am 8. Wind und kälte an. vorgestern Abends fiel sogar schnee.
[Wien] 22. April
Wir sind wieder mitten in den tiefen Winter gerathen, und ich heize schon
seit 8 tagen. Auf dem lande, in ungarn, steyermark etc. waren bis 10°
kälte, in letzterem lande liegt fußhoher schnee, auch hier hatten wir ein
paar vorübergehende schneegestöber, sonst Wind und eisige kälte, von
gestern an scheint sich das Wetter etwas bessern zu wollen, die sommer-
saaten, obstbäume und mitunter die Weinberge sind bey diesem beyspiello-
sen Wetter fast sämmtlich erfroren.
gabrielle ist gestern früh mit erzherzogin marie, welche auf Besuch in
ofen war, hieher gekommen und wird 10–12 tage hier bleiben. sie sagt,
stimmung und empfang in ungarn seyen noch weit ärger, als sie erwartet
hätten, so zwar, daß sich die erzherzoginn2 möglichst wenig zeigt, die leute,
i.e. ein theil der gesellschaft, scheinen (was ich sehr ungeschickt fände) ita-
lienische demonstrationen aufführen zu wollen, kommen nicht ins theater,
wenn die erzherzogin angesagt ist, oder auffallend spät und alle auf einmahl
etc. die reise des kaisers nach ungarn ist aufgegeben, vielleicht kömmt er
im september zu einem cavallerielager nach czegléd. mittlerweilen reist
erzherzogin sophie in görz, triest und venedig herum, glaubt herzen zu
erobern und begeht nichts als taktlosigkeiten.
kübeck ist jetzt die hauptperson. Buol hat zwar die leitung der „mini-
sterconferenzen“ erhalten, jedoch sollen diese, und überhaupt die minister-
conseils, ganz aufhören, die minister wieder wie vor 1848 departements-
chefs, der reichsrath der frühere staatsrath mit referenten etc. werden.
das sind die genialen restaurationsideen kübecks. Zugleich ist der Befehl
ergangen, auf die Abschaffung aller der neuen titulaturen, „welche an eine
trübe Zeit erinnern“, also die unterstaatssekretäre, ministerialräthe etc.
zu denken, also die alten Benennungen, dann soll Alles gut werden. die
statthalter sind fast Alle hier und berathen die neue organisation, welche
1 graf karl ludwig ficquelmont, lord Palmerston, england und der continent (Wien 1852).
2 erzherzogin hildegard, die gattin des militär- und Zivilgouverneurs von ungarn, erzher-
zog Albrecht. Andrians schwester war hofdame bei ihr.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien