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Tagebücher554
der kaiser von rußland kömmt am 8. und wird ein paar tage bleiben, er
hat sich alle feste etc. mit Ausnahme militärischer verbethen, was die takt-
lose und unausstehliche erzherzogin sophie nicht hindert, glashausbälle
etc. zu praepariren. die gunst, in der sie bisher bey ihrem sohne stand, soll
sehr im Abnehmen seyn. die ungarn, die immer mit kaiser nicolaus coquet-
tiren oder wenigstens damit schrecken möchten, wollen in dieser Zurückhal-
tung des kaisers nicolaus eine demonstration gegen Bach und das ministe-
rium erblicken. thatsache ist, daß meyendorff ziemlich offen die sprache der
altconservativen ungarn spricht und, wie ich höre, dadurch auch schon das
mißvergnügen unseres kaisers, qui à une tête de fer, auf sich gezogen haben
soll. dieser letzere soll neulich vor dem versammelten reichsrath und mini-
sterium eine standrede gegen die Altconservativen gehalten haben, welche
natürlich colportirt und commentirt wird, de tout côté on mine la dynastie.
das ministerium ist übrigens schon ganz annullirt, ministerräthe werden
gar nicht mehr gehalten, die minister kommen nicht mehr zum kaiser, son-
dern erstatten schriftliche vorträge, welche an kübeck kommen, der dann
nach Bedarf die betreffenden minister holen läßt, die statthalter, die Bach
hieher berufen hatte, um über die neue organisation zu berathen, haben
hier noch gar nichts vorgearbeitet gefunden und sind nun, wie ich höre, auf
kübecks Antrag nachhause geschickt worden, so steht es in den höchsten
regionen, vollständige desorganisation, Zwiespalt und der controlleur die
hauptperson, daher die regierungsmaschine stille steht.
[Wien] 13. may
Am 8. gegen 2 uhr, als ich eben bey der (elenden) landwirthschaftlichen
Ausstellung im thierspitale (!) war, kam kaiser nicolaus, dem der kaiser
bis Prerau entgegengefahren war, hier an und blieb bis zum 11. Abends, er
hatte sich alle festlichkeiten verbethen, was erzherzogin sophie mit ihrer
gewöhnlichen geschäftigkeit nicht hinderte, ihn mit einem glashausballe
überraschen zu wollen, welchen jedoch der kaiser noch im letzten Augen-
blicke abschaffte. kaiser nicolaus sah daher nur wenig leute, besuchte
dagegen viele seiner frühern Bekannten, metternich, ficquelmont, fürst
lichtenstein, Jellachich, Windischgrätz etc., sah mehrere militäretablisse-
mens an etc., war übrigens viel allein und schien ziemlich übler laune. Auch
in unserer kaiserlichen familie scheint der enthusiasmus für ihn dießmal
stark abgekühlt zu seyn, il paraît que sa superiorité leur pèse. Auch war er
namentlich für die weiblichen mitspieler desselben nichts weniger als lie-
benswürdig. Am 10. war große Parade am glacis, tags darauf manœuver,
wobey hunderttausende von menschen gegenwärtig waren, überhaupt war
seine Anwesenheit ein ereigniß für das hiesige Publicum auch der untersten
klassen, und die straßen wurden den ganzen tag nicht leer. er schien dem
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien