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Tagebücher556
Neulich begegnete ich Burger, welcher mir vorlamentirte; dasselbe that
Bissingen, den ich um dieselbe Zeit traf, der ganze Beamtenstand ist ent-
muthigt und mißvergnügt, weil wieder in der luft, der richterstand ist mehr
als das, ist wüthend, wie begreiflich. gensdarmerie, steuern, valuta, das
einquartierungsgesetz, die ewigen Provisorien etc. erhalten die unzufrie-
denheit und vermehren sie allenthalben, über die Ausführung der grund-
sätze vom 31. december herrscht noch vollkommene ungewißheit selbst
in den höchsten regionen, wo z.B. den statthaltern noch nicht einmahl
die cardinalpunkte als feststehend vorgelegt werden konnten, in ungarn
und Annexen besteht seit 1848 noch weder civil- noch criminalrecht, da-
her namentlich alle civilprozesse stillestehen etc. dazu kömmt noch höchst
wahrscheinlich ein total verunglücktes erntejahr in folge der beyspiellos
anhaltenden kälte, fröste und schnee, erst seit dem 10. wird es wärmer,
d.h. 7–8° in der nacht und 15–16° bey tag. gabrielle, deren Anwesenheit
sich ohne ihr Zuthun verlängerte, ist heute mit christiane colloredo nach
Pesth zurück. ich lebe übrigens sehr einfach fort, gehe wenig ins casino,
welches wirklich nach und nach le beau idéal der langen Weile wird, sondern
meistens Abends früher nach hause, esse oft bey munsch und lasse mir da
von reviczky alte geschichten aus der Zeit kaiser franz erzählen. sobald
das Wetter es gestattet, denke ich ins freye zu ziehen.
es kommen jetzt hier und in den Provinzen sehr häufige Brandlegungen
vor, und ein gleiches hört man aus einem großen theile europa’s, es wäre
nicht unmöglich, daß ein politischer Plan der revolutionsparthey dahinter
steckte.
das Polizeiministerium ist gebildet und kempen dazu ernannt, aber der
Zeitpunkt, wenn es beginnen soll, wird erst nachträglich bekannt gegeben
werden! tout ce que l’on fait chez nous, porte le cachet de la bêtise.
Zwey famose erlässe thun’s haben mich sehr amusirt, kraft des einen be-
freyt ein 4jähriger militärdienst vom Besuche der universität und befähigt
den Bewerber, sich ohne weiters zur staatsprüfung zu melden, der andere
setzt eine commission nieder: um aus den alten classikern und der alten
geschichte jene Benennungen und socialen institutionen auszumerzen,
welche mit unseren Zuständen unverträglich sind. Also wird es heißen: das
kronland rom, statthalter statt consul, die Partey des umsturzes hat rom
von tarquinius bis Julius caesar, den legitimen nachfolger desselben, be-
herrscht etc.!!
[Wien] 22. may
es ist nun endlich sommerlich und warm geworden, doch ist es zum theile
schon zu spät, die saaten sind noch sehr zurück, die Preise steigen, und man
befürchtet ein ganz schlechtes Jahr, ich frühstücke so oft ich kann im freyen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien