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Tagebücher564
um 4 des morgens fuhr ich mit dem dampfboote wieder ab, stieg am
drauecke auf das donauschiff, war gegen mittag in Peterwardein-neusatz
(dem ersten schönen Punkte seit Pesth), es war drückend heiß, so daß auf
dem vordecke gegessen wurde. nachdem wir noch bey tittel angelegt und
das berühmte Plateau gesehen hatten, waren wir vor 7 in semlin, wo ich
im löwen abstieg. das Panorama von semlin, Belgrad und der donau ist
magnifique, semlin selbst charakteristisch durch trachten und gesichter.
ich machte einen spatziergang am Wasser, wo ich einem sehr liebenswür-
digen gentlemanlike aussehenden herrn begegnete, der sich mir als major
und Bürgermeister matich präsentirte, ich fragte ihn natürlich über vieles
aus, u.a. sagte er mir, wie nothwendig es für semlin wäre, einen freyhafen
zu erhalten, indem gegenwärtig Belgrad auf seine kosten groß werde.
tags darauf des morgens begegnete ich einem alten herrn, den ich auf
dem dampfschiffe zwischen raab und Pesth getroffen hatte, und der, wie
sich später auswies, ein kaufmann uiberfeld aus frankfurt, schwiegervater
thierrys von der staatskanzley, war, und nun von Wien aus eine excursion
nach constantinopel machen wollte, aber wegen eines Paßfehlers nicht nur
nicht vorwärts, sondern nicht einmahl nach Belgrad hinüberkonnte und nun
schon seit 2 tagen in semlin saß. da ich eben auch auf dem Wege zum Platz-
commando war, um mir einen Passierschein nach Belgrad zu erbitten, so ver-
schaffte ich ihm durch meine intercession ebenfalls einen, und so fuhren wir
um 12 mit einem von mir aufgenommenen lohnbedienten per dampfschiff
hinüber, wir aßen zuerst in einem schlechten aber europäischen Wirthshause
und stiegen dann bey einer entsetzlichen hitze herum, diese wirklich merk-
würdige stadt anzusehen, doppelt merkwürdig für Jemand, der den orient
nicht kennt, wir sahen die festung, die Wohnung des Paschas, die kasernen,
die türkenstadt, ein paar moscheen, Bäder etc., begegneten, da gerade frey-
tag, der türkische sonntag war, vielen verschleyerten Weibern, die unter den
tüchern herauskokettirten etc. einen gottesdienst in einer der moscheen zu
sehen, verfehlten wir leider durch die ungeschicklichkeit des lohnbedienten.
Was mich fast nicht weniger amusirte als das, was ich sah, war die dumm-
heit meines Begleiters, ein wahrer typus eines deutschen und speciell eines
frankfurter spießbürgers (von Bildung, das ist der ärgste genre), welcher
unaufhörlich über den gestank, die unordnung etc. sich entsetzte und nach
einer Behörde schrie, denn was ist ein deutscher ohne eine Behörde? ich mal-
traitirte ihn aber auch, sowie die nächsten tage, ganz jämmerlich, übrigens
ein ganz guter kerl und lief mir nach wie ein Pudel, ganz deutscher.
gyula 25. Juny Abends
Am 19. um 6 uhr früh fuhren wir von semlin fort, es wurde bald trüb und
unfreundlich, und die fahrt war ziemlich langweilig bis gegen Abends 6
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien