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Juni 1852
uhr, wo bey golubacz die berühmte herrliche gegend anfing, welche auch
wirklich alle meine erwartungen übertraf. ich habe weder am rhein noch
sonst irgendwo etwas so grandioses und überraschendes gesehen wie diese
ganze 3stündige strecke bis orsova. dort um 9 angekommen, übernachtete
ich in einem elenden wallachischen Wirthshause, mußte aber noch spät am
Abend mit meinem frankfurter, der mir keine ruhe ließ, zum Platzmajor
wandern, um unsere Pässe zurückzuerhalten. es ist überhaupt unglaublich,
wie man in der militairgrenze mit Pässen und sonstigen ge- und verbothen
maltraitirt wird. der militärische Pedantismus ist noch zehnmal ärger als
jeder Andere.
tags darauf, sonntag, früh 6 uhr fuhr ich mit meinem frankfurter nach
mehadia, eine superbe gegend, wie man sie in der schweiz nicht oft findet,
dort verbrachten wir den tag mit spazierengehen etc., es war sehr voll, eine
menge hübsche Badegastinnen und wallachische Bäuerinnen in ihrer male-
rischen tracht. Abends war Ball, wo mein kaufmännlein trotz seiner grauen
haare lebendig wurde und sich viel Plaisir versprach, ich ging um 1/2 11
uhr fort, weil ich tages darauf um 5 uhr fort wollte, was auch geschah, die
einzige möglichkeit dazu bestand nämlich in einem misérablen sogenannten
eilwagen, der mit denselben 4 Pferden in 2 tagen nach temeswar fuhr, zum
glücke waren nur ein paar menschen darauf, darunter eine ganz anstän-
dige alte frau aus temeswar. Wir fuhren den ganzen ersten tag immer in
einer superben gegend fort, auf einer magnifiquen chaussée, durch lauter
reiches und vortrefflich gebautes land, nette dörfer, abwechselnd von Wal-
lachen und deutschen bewohnt. gegen 5 waren wir in karansebes, einem
sehr netten wohlhabenden städtchen, übernachteten dagegen in einem ganz
unbedeutenden wallachischen dorfe Zakul, wo es mir sehr schlecht erging,
in dem einzigen Wirthshause war nämlich eines truppendurchmarsches
wegen ein einziges Zimmer leer, welches natürlich die dame occupirte, ich
mußte im gastzimmer übernachten, daher geduldig warten, bis offiziere,
soldaten, Bauern etc. ausgezecht hatten und verschwunden waren, bis
Wirth und Wirthinn ihre rechnungen etc. beendet hatten, und mich dann
in dem Bier- und Weinqualme niederlegen, wurde dann durch die abmar-
schirenden truppen, eine halbe stunde durch einen wallachischen soldaten
gestört, welcher durchaus ein sacktuch eines offiziers wiederfinden wollte
etc. kurz ich war froh, als die nacht zu ende war, und wir weiter fuhren. ge-
gen 1/2 8 waren wir in lugos, wo es des Wochenmarktes wegen von trachten
aller Arten wimmelte, und nach einer ermüdenden fahrt bey brennender
hitze nach 5 uhr in temeswar, wo ich in der vorstadt fabrik im Pfauen ab-
stieg.
ich sah mir den nachmittag die innere stadt, i.e. festung an, eine recht
hübsche stadt mit ziemlich wenig spuren der Belagerung mehr, nur die gla-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien