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Tagebücher566
cis sind ganz rasirt, daher die verbindung mit den vorstädten bey dieser
stehenden hitze sehr unangenehm. tags darauf, den 23., war ich mit Putzen
und Waschen meiner seit 8–10 tagen vernachlässigten Person so beschäf-
tigt, daß ich bis 12 nicht aus meinem Zimmer kam. um 2 fuhr ich wieder bey
einer kannibalischen hitze fort und war um 8 in Arad, wo ich während einer
halben stunde, daß ich vor einer conditorey auf dem Platze ein gefrornes
nahm, eine masse hübscher und eleganter damen sah.
gestern früh um 6 endlich fuhr ich von Arad fort auf einem ächt ungari-
schen fuhrwerke ohne dach, so daß mich die sonnenhitze beynahe zu tode
brannte, das war meine beschwerlichste fahrt seit langer Zeit, und ich war,
als ich um 1 1/2 uhr mittags hier ankam, wie betrunken. dazu fuhr der
kutscher miserabel, wie überhaupt das sonstige ungarische Jagen und die
ungarischen Junker bald in das reich der fabeln gehören werden.
hier fand ich niemanden von der familie als rudolph Wenkheim, jedoch
umgeben von einer Anzahl gäste, nachbarn und offiziere, und was mir das
Angenehmste war, grade bey tische.
Aufgefallen ist mir bisher hauptsächlich, daß ich mit Ausnahme einiger
strecken in der nächsten nähe gyulas seit orsova noch kein unbebautes
land, sondern lauter wohlangebaute felder gesehen habe, gleich als wäre
ich in Böhmen oder sachsen, sichtlich steigt der Wohlstand und die Boden-
preise, wenn auch nicht so schnell wie längs der deutschen grenze (dort ein
Joch circa 200 fl, hier 80–90 fl im durchschnitte), besonders durch den stei-
genden körnerexport. Was mir aber ebenso auffiel, ist, daß ich von orsova
bisher noch kein einziges ungarisches dorf gesehen habe, lauter deutsche,
Wallachen, serbier.
[gyula] 27. Juny sonntag
ich lebe hier recht angenehm und pflege nach der etwas anstrengenden
fahrt dieser letzten 10 tage meines leibes, welcher sich über die sonnen-
hitze, schlechte straßen und fuhrwerke, besonders aber über elende unrein-
liche Wirthshäuser sehr zu beklagen hatte. Auch meine fleischgeschwüre
bessern sich sehr bedeutend, obwohl ich aus kleineren hie und da wieder-
kehrenden Anfängen bemerke, daß ein innerer grund dazu vorhanden seyn
dürfte, weßhalb ich in Wien mit meinem Arzte sprechen will.
vorgestern, dem ersten tage nach meiner Ankunft, fuhren wir zu tische
zu kalman Almásy nach kétegyháza und blieben bis Abends dort. gestern
früh 6 uhr fuhren wir nach mezöhegyes, um das gestüte anzusehen.1 man
empfing uns mit beynahe lästiger Aufmerksamkeit, ließ uns von 1/2 10 bis
1 Auf dem Staatsgut Mezőhegyes, ca. 40 km nordöstlich von Arad, befand sich das königliche
ungarische Pferdegestüt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien