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Tagebücher568
auf dieser reise erlangten sicherheit zu einem kriege fortreißen ließe, wozu
des stoffes genug vorhanden ist. Jedoch zweifle ich, daß die Berechnung des
Adels so weit ging. einstweilen hat die haltung, die er seit dem 5. dieses mo-
nats1 angenommen, ganz den Anschein eines entschiedenen fiascos: er hat
sich mit empressement herzugedrängt und ist kühl empfangen worden. die
idées napoléoniennes: heer und massen, Alles was einen frak trägt, ist mein
feind, demokratischer Absolutismus, liegen ohnehin unserer jetzigen regie-
rung sehr nahe, nur erfordern sie eine geschicklichkeit, die sie nicht hat.
das einzige, was der kaiser bisher dem lande gethan hat, war eine theil-
weise Amnestie der gefangenen in Arad, die fast spurlos vorüberging.
das silberagio fällt außerordentlich und stand vor 3 tagen schon auf 16!
ich kann den grund nicht begreifen, in 5–6 tagen bin ich wieder in Wien
und werde dort näheres hören.
Pesth 2. July
ich blieb noch bis inclusive 29. in gyula, wir erwarteten von stunde zu stunde
die Ankunft Pepi Wenkheims mit seiner familie, welcher aber nicht kam. ein-
mal fuhr ich mit rudolf pürschen und fehlte glücklich einen rehbock.
Am 29., in der nacht auf den 30. um 12 uhr, fuhr ich mit rudolf Wenk-
heim fort und war um 6 des morgens in sarvás bey Bolza, dort frühstückten
wir en famille, um 1/2 9 nahm ich von Allen Abschied und fuhr mit einem
Bauernfuhrwerk nach szolnok, wo ich um 1 uhr ankam. dort mußte ich 2
tödtlich lange stunden warten, bis der eisenbahnzug abging, und war um 8
uhr Abends hier, da in der königinn von england kein Platz war, ging ich
in den nächsten, ziemlich schlechten, gasthof zum Jägerhorn. ich verließ
gyula beynahe ungern. das dortige etablissement, schloß, garten etc. hatte
mir sehr gut gefallen, überhaupt liebe ich ein angenehmes landleben sehr,
namentlich aber behagt mir die ungarische vie de château, umsomehr zeigt
sich in mir der Wunsch, bald für mich selbst ein solches begründen zu kön-
nen, dem öffentlichen leben muß ich ohnehin vor der hand lebewohl sagen,
und so möchte ich mir einstweilen ein ruhiges, sicheres, heiteres und doch
thätiges leben gründen.
gestern nachmittags machte ich mit gabrielle theils zu fuße, theils zu
Wagen eine sehr schöne Promenade zur „schönen schäferinn“ im ofnerge-
birge. morgen früh kehre ich mittelst eisenbahn nach Wien zurück.
Wien 10. July
heute vor acht tagen, d.i. am 3. Abends kam ich hier an und reise übermor-
gen nach kissingen, wo ich etwa 5 Wochen bleiben dürfte, es soll dort sehr
1 der tag des feierlichen empfangs des kaisers in Pest, vgl. eintrag v. 13.6.1852.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien