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gante damen: kalergis, seebach, Benkendorf, kisseleff, Bloudoff, severine,
Anrep etc., den größten theil derselben, insofern ich sie nicht wie kisseleff
und Antoinette Bloudoff von früher her kannte, habe ich in diesen tagen
kennen gelernt. dann viele engländer und unter diesen einige aus der gu-
ten gesellschaft: general sir J. Woodford, sir ch. grey, lady macdonald
etc. von oesterreichern viele und glücklicherweise lauter gute Bekannte:
franz Wimpffen, lichnowsky, Pachta, Janos Palffy, hans kolowrat, fanny
stockau, thysebaert, ugarte etc.
vorgestern fing ich meine trinkcur an, die Badecur werde ich erst in eini-
gen tagen beginnen, bis jetzt spüre ich noch wenig Wirkung. die Barkoczys
führen wie gewöhnlich ein abgeschiedenes leben, und ich sehe sie nicht so
viel als die übrigen Badegäste, helene sah ich noch gar nicht, es sind eigen-
thümliche leute.
trotz der zahlreichen und gut gewählten gesellschaft ist doch blutwenig
entrain und vergnügen vorhanden, da es fast nur wirkliche curgäste gibt,
die des morgens von 6 bis gegen 9, Abends wieder von 6 bis 8 gewissenhaft
trinken, vormittags baden etc., daher fast keine Zeit für Parthieen etc. übrig
bleibt. dazu kömmt die wirklich africanische hitze, welche sogar mir fast
unerträglich wird. um 1 uhr (eine unbegreifliche stunde) ißt man an ta-
ble d’hôte, herzlich schlecht, ich im kurhause mit Wimpfen, lichnowsky,
ugarte, Pachta, Papa Barkoczy, Palfy und einigen Bayern, die zu unserer
täglichen gesellschaft gehören: fürst taxis, Welden, Präsident Zurhein,
fugger. Abends habe ich bisher mit Welden, Zurhein, gestern auch noch mit
Pachta und Präsident voltz in irgend einem garten der umgebung auf gut
bayerisch gekneipt, d.i. Bier getrunken und soupirt, was aber ein ziemlich
langweiliger spaß ist.
hoheiten gibt es hier leider die schwere menge, denen man sich allen vor-
stellen lassen muß, was ich denn auch thun werde: die königinn von Bay-
ern (eine wahre königinn an schönheit und Anstand), das königspaar von
schweden sammt kindern, die großherzoginn von mecklenburg strelitz
sammt tochter, die geschiedene frau des königs von dänemark,1 herzog
max in Bayern etc.
Am ersten tage nach meiner Ankunft traf ich hier Bethmanns und vrintz
aus frankfurt, welche aber am selben tage abreisten.
[Bad kissingen] 22. July
die cur wirkt bis jetzt nur ganz gelinde auf mich, von einer crisis keine
spur, übrigens ist der Arzt damit zufrieden, ich trinke 4 gläser rakoczy des
1 Prinzessin karoline v. mecklenburg-strelitz war von 1841–1846 mit dem späteren (seit
1848) könig frederick vii. von dänemark verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien